München

Die Redakteure der Jungen Welle des Bayerischen Rundfunks hatten eine Idee. Am Tag der deutschen Einheit schickte die Jugendredaktion einen Reporter als Begleiter von 23 Münchner Hauptschülern mit auf Klassenfahrt an die Grenze zur DDR. Die Redaktion wollte am 17. Juni ihren Hörern vorführen, was die Schüler über die DDR wissen und welchen Eindruck auf sie die Grenze machte. Das Fazit der einstündigen Reportage: Die Jugendlichen wissen wenig über die DDR. Wissen, so der Autor, werde für viele durch Gerüchte ersetzt. Er versuchte auch, dies zu erklären und befand in diesem Zusammenhangdie Informationsbroschüren von Bundes- und Bayerischer Staatsregierung als zu dürftig.

Drei Wochen nach der Ausstrahlung schlug der Münchner Merkur Krach. In Bericht und Kommentar mokierte sich die Zeitung über die vermeintliche Infamie der Sendung, wobei offensichtlich der Verfasser des Artikels nicht in der Lage war, das Funkmanuskript mit seinen vielen Originaltonzitaten und Stellungnahmen Dritter für den Leser aufzubereiten. Im Kommenter bezeichnete die Zeitung die Programmacher der Jungen-Welle – nicht gerade zimperlich – als "Nachwuchsschnitzler" und warf ihnen vor, sie wollten die Jugend ideologisch vergiften. Diese DDR-Propaganda aus dem BR zeige, "wie wirkungsvoll der Sender bereits unterwandert ist".

Diese Beschuldigungen konnten die Verantwortlichen nicht auf sich sitzen lassen. Das Manuskript der Sendung wurde geprüft, und Rundfunkrat Reinhold Vöth kam zu dem Ergebnis: "Man hätte die Sendung zwar anders, vielleicht auch besser machen können, aber die Vorwürfe des Merkur sind schlicht und einfach falsch." In der Stellungnahme, die er der Zeitung zusandte, schrieb er: "Die Behauptung, in ihr würden DDR-Meinungen vertreten, gar DDR-Propaganda gemacht, findet im Text der Sendung keinen Anhaltspunkt Und muß als tendenziöse Unterstellung zurückgewiesen werden. Kritik – gerne! Aber, bitte, keine Denunziation!" Vöths Erklärung mochte der Merkur seinen Lesern nicht zumuten – das Wort "Denunziation", so ein Merkur-Redakteur, sei ihnen zu stark gewesen.

Nun zog auch noch der Bayernkurier nach. Er schoß das CSU-Mitglied Vöth heftig an, verteidigte die Haltung des Merkur und versteigerte sich zu der Behauptung, Rundfunk-Redakteure verschiedener Programmbereiche stünden nicht auf dem Boden des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung. Das rief den Juristen Vöth auf den Plan. Er verwehrte sich energisch gegen diese pauschalen Vorwürfe und bat um Konkretisierung. Das Blatt führte daraufhin Kommentare an, die zwar der CSU nicht in den Kram paßten, gleichwohl nicht verfassungsfeindlich waren. Fazit eines ausführlichen Briefwechsels zwischen Funkhaus und dem Bayernkurier: Die CSU bekämpft mit einem Hinweis auf ihre Wählermehrheiten in Bayern alles, was ihr nicht wohlgesonnen ist.

Kaum jemand beim Rundfunk glaubt, daß die von den beiden Zeitungen hochgespielte Programmkritik nur etwas mit der sommerlichen Sauregurkenzeit zu tun hatte. Vielmehr sieht man Anzeichen, daß mit diesen medienpolitischen Attacken vor allem der Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks, Gunthar Lehner, getroffen werden soll, dessen Wiederwahl um die Jahreswende bevorsteht. Der parteilose Lehner war vor vier Jahren mit einer Stimme Mehrheit vom Rundfunkrat gewählt worden – gegen die Stimmen der CSU und einiger Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen.

Zwar stehen die Mehrheitsverhältnisse in diesem heute 49 Mitglieder umfassenden Gremium noch nicht endgültig fest, aber Lehner weiß heute immerhin schon dies: Wenn er es nicht schafft, die Stimmen der SPD und der großen Mehrheit der Parteilosen ein zweites Mal für sich zu gewinnen, ist er seinen Job im Herbst nächsten Jahres los. Ludwig Maaßen