Über der Wüste geht, in allen Farben des Regenbogens flimmernd, eine stilisierte Sonne auf. Aus dem Hintergrund lösen sich in rascher Folge einige Dutzend deutsche Städtenamen, begleitet von auftrumpfenden Tönen der Rock-Gruppe "Kraftwerk". Zum Schluß erscheint der Titel: "Arbeitsgemeinschaft Kino zeigt".

Zu einem zähnefletschenden Löwen im bombastischen Stil der Metro-Goldwyn-Mayer hat es vorerst noch nicht gelangt, aber auch so signalisiert das nagelneue Firmenzeichen der deutschen Programmkinos ein frisch erblühtes Selbstbewußtsein. Das läßt sich auch in Zahlen ausdrücken: Während die Filmbranche insgesamt über einen katastrophalen Zuschauerschwund von durchschnittlich 16 Prozent im letzten halben Jahr lamentiert, konnten die abseits der kommerziellen Trampelpfade operierenden Programmkinos ihren Besucherstand nicht nur halten, sondern in einzelnen Städten sogar noch ausbauen.

Programmkinos: das sind jene inzwischen rund 150 Filmtheater in der Bundesrepublik, die mit interessanten Novitäten von Claude Faraldos "Themroc" bis Alan Myersons "Steelyard Blues", wichtigen Reprisen und Reihen ("Psychiatrie im Film", demnächst "Hollywood und die Nazis"), Underground- und Musikfilmen dem eintönigen, von wenigen Großverleihern diktierten Standardangebot Paroli bieten. Knapp 50 Filme bietet die "Arbeitsgemeinschaft Kino", zu der sich die Programmkinos als Schutz- und Trutzbund gegen die Übermacht der Etablierten zusammengeschlossen haben, ihren Mitgliedern bislang an. Nach den dritten Hamburger Kinotagen werden etliche hinzukommen: Filme aus den letzten Jahren, die den Verleih-Konzernen für den deutschen Markt zu riskant erschienen, die jetzt über die Programmkinos ein Publikum finden sollen.

Zu den Kinotagen im Hamburger "Abaton" kamen Programmkino-Macher aus allen Teilen der Bundesrepublik, nicht nur aus den relativ filmfreundlichen Metropolen wie Berlin, München und Köln, wo ein aufgeschlossenes urbanes Publikum die Arbeit erleichtert, sondern auch aus Mittel- und Kleinstädten, in denen alle Filme jenseits grober Porno- und Katastrophenkost einen schweren Stand haben. In solchen Orten, in Lindau am Bodensee ebenso wie im niedersächsischen Otterndorf, hilft nur ein zähes Engagement für jeden einzelnen Film, permanente Zuschauerinformation durch Programmblätter und persönliche Gespräche: ein Aufwand mithin, den sich die meisten Kinobesitzer längst nicht mehr leisten, auch wenn es überall rühmenswerte Ausnahmen gibt.

17 Filme standen bei den dritten Hamburger Kinotagen, der jährlich stattfindenden Programmmesse der Außenseiter, zur Diskussion, überwiegend amerikanische, aber auch Bo Widerbergs schwedisches Streik-Epos "Adalen 31" (1969), Lina Wertmüllers italienische Agitprop-Collage "Tutto a posto e niente in ordine" (1974) und Claude Faraldos neuer Film "Les fleurs du miel".

Welche der anderen Filme ihren Weg in die Programmkinos finden werden, entscheiden die Mitglieder der AG Kino. So zeigten sich etliche Spielstellen geneigt, Daniel Petries "Buster and Billie" aus dem Jahre 1973 einzuplanen, eine reichlich krause Mischung aus "American Graffiti" und "Ein Mann sieht rot", während Henry Jagloms bereits in Cannes vorgestellter, mit experimentellen Montagemethoden arbeitender Vietnam-Heimkehrer-Film "Tracks" (Hauptrolle: Dennis Hopper) weitgehend auf Ablehnung stieß, weniger aus künstlerischen Gründen wohl als aus der Furcht vor einer kommerziellen Pleite.

Dieses Beispiel beleuchtet exemplarisch das Dilemma der Programmkinos: Einerseits wollen sie sich nicht mit der gängigen Konsumware abfinden, andererseits können auch sie keine Filme herausbringen, von denen sie sich nicht einen gewissen Profit versprechen. Denn anders als die kommunalen Kinos werden die Programmkinos nirgendwo subventioniert, müssen Zwitter bleiben zwischen künstlerischem Anspruch und kommerziellem Kalkül. So besteht die Gefahr, daß es sich die unternehmungslustigen Außenseiter doch gelegentlich zu leicht machen, daß sie über allerlei attraktiven Rock-, Pop- und Protest-Werken von "Jimi Hendrix" bis "Themroc" und "Bof" ihre eigentliche Aufgabe vernachlässigen, wenn auch mehr aus Not als aus Überzeugung.