Berlin

In West-Berlin wurden im letzten Jahr 842 Menschen mit ihrem Leben nicht fertig und begingen Selbstmord. In diesem Jahr dürften es kaum weniger sein. Einer von ihnen ist der 21jährige Horst-Dieter Prösch. Allerdings schluckte er keine Tabletten, ging nicht ins Wasser, erhängte sich nicht, wie das die anderen tun. Er sprang an einem schönen Tag im September vom Dach des Rathauses Schöneberg, dem Sitz des Berliner Senats. Das machte seinen Selbstmord spektakulär, brachte ihn auf die ersten Seiten von Springers 52 und Bild, einen Tag später in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen der DDR. SED-Zeitung Neues Deutschland schrieb von einer Verzweiflungstat. Arbeitslosigkeit und soziale Notlage seien das Motiv für die Tat gewesen. Und das DDR-Blatt warf der Springerpresse vor, dieses Motiv verschwiegen zu haben.

Der Vorwurf scheint unberechtigt. Noch heute grübelt die Familie von Horst-Dieter Prösch, warum er nicht mehr am Leben ist. Er hat niemandem von seinem Plan erzählt, keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Es ist nicht richtig, daß er arbeitslos war. Er arbeitete als Altenpfleger beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, zwar nur zehn Stunden in der Woche, doch einen Tag vor seinem Tod hatte er seinen Arbeitgeber um mehr Arbeit gebeten, die ihm auch zugewiesen worden war. Er war auch nicht in einer akuten sozialen Notlage. Sicher – er, seine Mutter und seine drei Geschwister lebten nicht im Überfluß, sie mußten mit dem Pfennig rechnen, er hatte Schulden, aber er war dabei, sie zurückzuzahlen.

Noch am Abend vor seinem Todessprung hatte die Familie in der Wohnküche des Abrißhauses in Tempelhof zusammengesessen und Pläne geschmiedet, wie sein Zimmer in der Zweizimmerwohnung, in die er und seine Mutter umziehen wollten, eingerichtet werden sollte. Am nächsten Morgen holte Horst-Dieter für seine Mutter Zigaretten und frühstückte mit ihr. Gemeinsam gingen sie aus dem Haus, trennten sich an der nächsten Ecke, wo er sich aufs Fahrrad schwang, angeblich um zu dem alten Herrn zu radeln, den er pflegte. Doch er fuhr zum Rathaus Schöneberg, schloß sein Fahrrad auf dem Parkplatz an, stieg in den 4. Stock des Rathauses, wo die Stenographen des Abgeordnetenhauses sitzen, wurde wieder, heruntergeschickt, versuchte es ein zweites Mal, wurde wieder entdeckt und wieder zurückgeschickt. Erst beim drittenmal sah ihn niemand, und er tat das, was er sich offenbar fest vorgenommen hatte. Er sprang, prallte mit dem Kopf auf den Wagen eines CDU-Abgeordneten und starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Es lag nahe für die Presse der DDR, ihren Lesern gegenüber so zu tun, als sei der Sprung vom Rathaus Schöneberg eine Anklage gegen die darin Regierenden. Es paßte ihnen gut in den Kram, zu zeigen, daß nicht nur in der DDR sich ein Pastor öffentlich verbrennt, um ein Signal zu setzen, sondern daß auch West-Berliner Jugendliche sich in den Tod stürzen, weil sie arbeitslos sind. Wir wissen, daß das nicht der Grund war.

Immerhin – Horst-Dieter Prösch war kein Glückskind. Nach der Schule hatte er mit einem Freund eine Elektrikerlehre angefangen. Als der Freund sie abbrach, hörte er auch auf. Er arbeitete dann meistens als Ungelernter beim Gartenbauamt, legte Platten, goß Blumen, jätete Unkraut. Doch auch da hörte er auf. Er suchte sich schlechte Freunde, nahm Rauschgift, mußte sich einer Entziehungskur unterziehen. Da war eine Freundschaft zu einer Frau, die im Frühjahr auseinanderging, da gab es finanzielle Schwierigkeiten. Den Familienangehörigen scheint das alles nicht Grund genug, um in den Tod zu springen.

Marlies Menge