Die Sexualität ist, falls wir uns an die neuere Literatur halten, an Illustrierten-Serien, Spielfilme und Fernsehrunden, kein verdrängtes und verheimlichtes Problem mehr. Da muß der Tod als Thema fast schon interessanter werden, für den kühnen Schilderer wie für den hilfsbereiten Pädagogen. Aus Amerika kommen zwei Bücher, die von unheilbar erkrankten jungen Männern handeln. Das eine Buch ist fromme, tröstliche Fiktion –

Margaret Craven: "Ich hörte die Eule – sie rief meinen Namen", Roman, aus dem Amerikanischen von Kai Molvig; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1976; 134 S., 22,– DM.

Doris Lund berichtet unverschlüsselt. Sie sucht die letzten Jahre ihres Sohnes Eric zu fixieren, vom Monat an, da die Krankheit sich zum erstenmal bemerkbar machte, bis zum Augenblick des Todes –

Doris Lund: "Eric – der wunderbare Funke Leben"; aus dem Amerikanischen von Helmut Degner; Scherz Verlag, Bern/München, 1976; 293 S., 28,50 DM.

Margaret Cravens Held, ein Geistlicher von Ende Zwanzig, muß in spätestens drei Jahren sterben, woran, erfährt man nicht. Anscheinend braucht er keinen Arzt. Sein weiser Bischof schickt ihn, der vom eigenen Zustand noch nichts ahnt, in ein entlegenes Indianerdorf. Dort findet er sich feinfühlig und mit Respekt in die Gewohnheiten und Denkweisen, die Mythen und Konflikte seiner Pfarrkinder. Die anfangs Abwartenden lieben und verehren ihn am Ende. Er stirbt – durch einen gnädigen Unfall, nicht an seiner Krankheit – als ein Mann, der seine Zeit genutzt und alle Prüfungen bestanden hat.

Bei Doris Lund weiß der Patient sehr bald, woran er ist. Der siebzehnjährige Eric kämpft gegen die Leukämie und wenn sich – manchmal wild – gegen die mütterliche Fürsorge. Er fängt sein Studium an und sucht sich Ferienjobs, er unternimmt die ersten weiten Reisen, kauft das erste Auto, er beteiligt sich an Fußballkämpfen und veranstaltet gewaltige Partys. Die Chronistin Doris Lund geht, anders als Margaret Craven, die Romanautorin, auch auf medizinische Aspekte ein. Beide Bücher sind mit Vorsatz einfach abgefaßt, sehr angenehm, einiges Geraune im indianischen Milieu ist halb so schlimm.

Trotzdem habe ich beide Bücher nur mit Unbehagen hinter mich gebracht. Liegt es daran, daß auch ich den Tod als Aussicht und als Forschungsgegenstand lieber vermeide? Ich glaube, daß man sich da noch an etwas anderem stoßen kann: am Lehrzweck, an der guten Absicht. Das vorbildliche Bettverhalten, der Orgasmus, der die meisten Lebensschwierigkeiten löst, das waren wohl auch zuallererst amerikanische Projekte. Folgt nun der musterhafte, der gekonnte Tod? Den wird es, fürchte ich, nie geben.

Christa Rotzoll