Sozialkadaver und lebende Leichname

Von Ernst Klee

Eine "Sozialleiche" wird verscharrt: ein Kunstmaler, seit zehn Jahren im Alten-, dann im Pflegeheim. Keine Angehörigen. Die "Pietät" wird beauftragt, die billigste Beerdigung abzuwickeln. Das heißt: keine Trauerfeier in der Friedhofskapelle. Keine Blumen. Der Sarg kommt. Ein Knopfdruck ruft drei Friedhofsangestellte hinter der Tür. Ein junger Italiener macht ein Kreuz. Einer trägt ein Kreuz vorneweg.

Der Wagen, auf dem der Sarg steht, setzt sich in Bewegung. Ein Schildchen sagt, wessen Überreste hier beigesetzt werden. Der Name der "Pietät" am größten geschrieben. "Ich laß ihnen noch ein paar Meter, die Tür fällt so schwer zu, da erschrickt man", erklärt der, der die Knöpfe bedient. Dann geht die Tür automatisch zu. Als private Dreingabe läßt er die Friedhofsglocke bimmeln. Da ziehen sie: drei Angestellte in Uniform, ein Pfarrer, eine ausländische Schwester aus dem Pflegeheim. Die Sonne knallt auf die kleine Gruppe. Trauergäste einer anderen Beerdigung kreuzen den Weg. Ein alter Herr bleibt stehen, zieht den Hut, hält ihn vor die Brust, grüßt. In der Ferne sieht man die Autobahn. Ich setze mich auf eine Bank und warte. Nach ein paar Minuten kommen die jungen Trauerangestellten zurück. Es ist Dienstschluß. Übermütig, gelöst spielen sie Nachlauf. Die Sozialleiche ist verscharrt.

Soweit die Sterberealität. Nun die Bücher.

Ich habe 3874 Seiten gelesen über das Sterben, über den Tod. Manche Buchseite habe ich nur überflogen, überblättert, es betraf mich nicht, langweilte. Nur wenige der hier besprochenen Bücher haben mich gepackt, haben mir etwas vom Leiden und Sterben in dieser Gesellschaft vermittelt, haben mich mit meiner eigenen Sterblichkeit, mit meinem einmal zu sterbenden Tod konfrontiert. Ein einziges Buch hat mich gewürgt, ging unter die Haut. Es ist das Buch einer Betroffenen, einer Witwe: Es ist das schmale Bändchen einer anonymen Autorin und heißt –