Das Besondere an dieser Gegend ist", sagt Willi Weckbach, ein Odenwälder so echt, herb und gut verträglich wie der heimische Kartoffelschnaps, "daß es keine Attraktionen gibt." Willi Weckbach, ausgestattet mit dem Titel "Gebietsbeauftragter für den Odenwald", ist aufgewachsen in dieser Gegend zwischen dem Main und der Bundesstraße 45, die bisher, touristisch gesehen, ein Schattendasein führte. Aber im Breuberger Land, von dem hier die Rede ist, wächst der Odenwald genauso typisch wie an seinen schönsten und bekanntesten Stellen. Obwohl ein Niemandsland – nicht mehr richtig zu Hessen, aber auch noch nicht zu Bayern gehörend – wurde das Breuberger Land sogar von solchen Touristen gemieden, die sonst gern die stillen Winkel aufsuchen.

"Ganz armselige Nester waren das vor dem Krieg", erzählt ein Lehrer, der sich auskennt wie kein anderer im Breuberger Land. Und auch heute ist der Wohlstand nicht gerade offensichtlich in den Dörfern Rai-Breitenbach, Neustadt, Sandbach, Hainstadt und Wald-Armorbach, die bei der Gebietsreform zum Ort Breuberg zusammengeschlossen wurden.

Zwar haben die Kleinbauern, Fabrikarbeiter und Maurer sich fast alle in dorfgemeinschaftlicher Arbeit ein eigenes Häuschen anschaffen können, zwar stehen auch hier nicht mehr nur Fahrräder vorm Haus und der Bauer Beck hat sogar im Selbsthilfeverfahren einen Swimmingpool für seine Pensionsgäste angelegt. Aber das Gediegene, Großzügige, die Liebe zum Detail fehlt natürlich, wo man mit dem Pfennig rechnen muß. Deshalb ist auch die Gastronomie und Hotellerie mehr auf Preiswürdigkeit als auf Gemütlichkeit oder gar Luxus eingestellt.

Der Tourismus soll nun neue Pläne eröffnen, und die Hoffnungsvollen, denen Willi Weckbach den Rücken stärkt, scheuen nicht die Mehrarbeit, die der aufkeimende Fremdenverkehr für sie mit sich bringt. Der Tag der Familie Beck in Lützelbach – in einem versteckten Seitental gelegen – beginnt um sechs Uhr morgens, wenn das Vieh gefüttert werden muß. Danach geht Bauer Beck "in die Veit", zu den Gummiwerken Veit-Pirelli im Tal der Mümling; "denn die Landwirtschaft", sagt er, "ernährt in diesem Gebiet doch keinen". Frau. Beck macht nebenbei das Frühstück für die Pensionsgäste im Haus Elli, zu dem das Eigenheim der Familie in den letzten Jahren umgebaut wurde.

Tourismusförderung wird im Selbsthilfeverfahren betrieben. Da baute der Bauer vom Bergwaldhof in Rai-Breitenbach schnell ein paar Apartments für Feriengäste und Ställe für ein paar Pferde, heuerte einen Reitlehrer an und betreibt nun einen lockeren Freizeitbetrieb. Die junge Frau hat es sich dennoch nicht nehmen lassen, in ihrem Friseursalon weiterhin Einheimischen und jetzt auch Feriengästen die Haare zu waschen.

Picknickplätze im Wald und Abenteuerspielplätze wurden von Männern aus den Dörfern selbst angelegt. Willi Weckbach, froh wenn er wieder mal ein paar Individualisten überzeugen konnte, hat das Geld dafür besorgt. Denn "Attraktionen müssen erst geschaffen werden". Da gibt es zwar ein Wanderwegenetz, auf dem eifrige Fußgänger schon einige Wochen unterwegs wären, wollten sie alles ablaufen, da gibt es die Hochebene mit dem Blick auf den Main und ins Tal der Mümling. Und da gibt es auch ein bißchen Geschichte.

"Der Limes", sagt der Lehrer, "soll hier verlaufen sein." Um ihn zu finden, braucht man schon ein wenig Ortskenntnis und eine gehörige Portion Phantasie, zeugen doch nur noch ein paar Erdhügel und eine Menge Steine von der römischen Vergangenheit, Von Breuberg durch das Mühlhäuser Tal über Breitenbrunn kommt man zu dem interessanten Römerkastell: Hainhaus. Die steinernen Sessel dort, zunächst als mittelalterliche Gerichtssessel identifiziert, schiebt der Lehrer in spätere Jahrhunderte und dem Fürsten von Löwenstein zu, der – viel prosaischer sie für seine Jagdpartys bauen ließ.