Die Namen Solschenizyn, Sinjawskij, Fainberg, Bukowskij, Amalrik, Pljutschtsch sind der Welt geläufig, doch wer kennt die tausend und abertausend Dissidenten, die um ihrer Meinung, ihres Glaubens, ihrer Stammeszugehörigkeit willen in Gefängnissen, Arbeitslagern, Nervenkliniken oder verbannt an fernen Orten Verfolgung erleiden müssen? amnesty international hat jetzt das Schicksal von zwei jungen Moskauer Juden herausgegriffen, die seit einem Jahr in Sibirien, der eine nahe der mongolischen Grenze, leben müssen. Ihre Schuld: sie hatten für ihr Recht demonstriert, zu ihren Eltern in Israel auszureisen.

Am 24. Februar 1975 begab sich der arbeitslose 28jährige Zahnarzt Mark Naschpitz auf einen kleinen Platz vor der Lenin-Bibliothek in Moskau und stellte sich abseits des Straßenverkehrs mit einem Plakat auf. "Visa statt Gefängnis" lasen die Passanten. Ihm zugesellt hatte sich neben anderen Freunden der 32jährige Werkzeugmacher Boris Tsitljonok; er trug ein Plakat mit der Inschrift "Freiheit für die Gefangenen Zions". Beide ließen sich widerstandslos von Milizsoldaten abführen. Neun Tage lang wurden sie in vorläufiger Haft gehalten, ehe sie ins Untersuchungsgefängnis kamen. Während dieser Zeit durften sie keine Pakete empfangen; ihre Angehörigen würdenüber die Festnahme nicht unterrichtet – ein klarer Verstoß gegen das auch in sowjetischen Gesetzen verankerte Habeas-Corpus-Recht.

Als ein Strafverfahren gegen die beiden eröffnet wurde, rieten die Behörden den Angehörigen, sich einen sicherheitsüberprüften Anwalt zu suchen, obwohl in der Sowjetunion das Recht auf Verteidigung unbeschränkt ist. Wahrheitswidrig wurde den Verwandten mitgeteilt, der Prozeß werde in nichtöffentlicher Sitzung stattfinden. In Wirklichkeit handelte es sich um eine öffentliche Sitzung vor dem Moskauer Stadtgericht. Den Vorsitz führte Richter Bogdanow. Praktisch war die Öffentlichkeit jedoch ausgeschlossen: Als sich Freunde und Bekannte anderthalb Stunden vor Prozeßbeginn im Hof des Volksgerichts des Bezirks Babuschinsky in der Lenskaja Straße Nr. 2 einfanden, erklärte ihnen die Miliz, das Gebäude sei wegen Reinigung geschlossen – weit und breit waren keine Raumpflegerinnen zu sehen. Mit derselben Begründung wurden ausländische Korrespondenten abgewiesen. Später hieß es jedoch, der Gerichtssaal sei schon mit neugierigen Nachbarn überfüllt. Tatsächlich blieben viele Stühle unbesetzt anwesend waren außer dem Gericht, den Angeklagten und den Wachen etwa acht junge Männer in dunklen Anzügen, die das Urteil gar nicht erst abwarteten.

Zur Verhandlung zugelassen wurden nur zwei Verwandte der Angeklagten. Staatsanwältin Prazdnikowa lehnte den Antrag ab, einen Vertreter der holländischen Botschaft hinzuzuziehen, die in Moskau die Interessen Israels wahrnimmt. (Beide Angeklagte sind Inhaber eines israelischen Passes.) Die geladenen Zeugen verwickelten sich in Widersprüche zu ihren Aussagen in der Voruntersuchung oder hatten gar nichts Genaues gesehen. Eine Zeugin, die während der Demonstration zufällig mit ihrem Mann auf einem Einkaufsbummel vorbeigekommen war, hatte sich durch die Plakate beleidigt gefühlt und versucht, Naschpitz das Plakat zu entreißen. Dabei will sie von ihm geschlagenworden und von Tsitljonok mit obszönen Worten beschimpft worden sein.

Der Angeklagte Naschpitz, sagte zur Sache aus, ihm sei zu wiederholten Malen die Ausreise nach Israel verweigert worden, weil sein Vater 1956 die Sowjetunion ohne Erlaubnis verlassen habe (der Sohn war damals acht Jahre alt). Seine kranke Mutter durfte 1971 endlich ausreisen; der Sohn gab im November 1974 seine Arbeit auf, nachdem ihm die Behörden für die nächste Zeit Ausreisepapiere in Aussicht gestellt hatten. Im Januar 1975 kam jedoch der Ablehnungsbescheid.

Boris Tsitljonok erklärte, er habe nicht für sich demonstriert, sondern für die zu Unrecht eingesperrten Glaubensbrüder. Er hatte 1971 einen Ausreiseantrag gestellt und verlor daraufhin seine Arbeitsstelle. Immer wieder ging er auf die Straße, um gegen die unwürdige Behandlung der Juden zu protestieren. Von 1972 bis zu seiner Verurteilung wurde er insgesamt dreißigmal für jeweils fünfzehn Tage in Arrest genommen. Am 10. November 1974 wurde ihm eine Einweisung in eine Nervenheilanstalt angedroht.

Die Verteidigung plädierte auf Freispruch, die Anklägerin verlangte Schuldspruch, da beide die öffentliche Ordnung verletzt, den Straßenverkehr gestört und Widerstand gegen die Staatsgewalt und gegen Sowjetbürger geleistet hätten. Doch solle man "aus Gründen der Menschlichkeit" das Strafmaß (mindestens 100 Rubel und ein Jahr Zwangsarbeit, höchstens drei Jahre Haft) in fünf Jahre Verbannung umwandeln. Und so entschied dann auch der Richter. Mark Naschpitz in seinem Schlußwort: "Warum darf ich, ein unschuldiger Mann, nicht aus dem Land und zu meiner Mutter fahren?"