Kunstkritiker-Kongreß in Lissabon

Die leeren Lastwagen aus Angola standen in langen Reihen am Hafen von Lissabon, in der Nähe des "Denkmals der Eroberer". Auf der Avenida da Liberdade, Lissabons Palmen-Boulevard, auch in anderen Straßen sah ich erstaunlich viele junge Leute mit Krücken: Portugals letzter Kolonialkrieg hat seine Kinder entlassen. Invaliden einer neuen Freiheit.

Die AICA, die "Association internationale des Critiques, d’Art", hatte ihre Mitglieder zum diesjährigen Kongreß und zur 28. Generalversammlung nach Portugal gebeten: 120 Kunstwissenschaftler, Kritiker und Museumsleute aus 24 (von 47) AICA-Ländern wurden kulinarisch und touristisch aufs großzügigste bewirtet. Es war, unmittelbar nach dem internationalen Hegel-Kongreß, ein weiterer Schritt auf dem auch kulturpolitisch neuen, demokratischen Weg Portugals.

Zum Tagungsort Lissabon waren wir mit viel Sympathie und Neugier angereist, zum Tagungsthema mit weniger großen Erwartungen: "Moderne Kunst – Afrikanische Negerkunst – Wechselseitige Beziehungen".

"Negerkunst", "Primitivismus": Was nicht mehr als Konventions- und Annäherungsbegriffe sein sollten, wurde in Lissabon zum lusitanischen Popanz aufgeblasen. Man glaubte streckenweise, auf einem Kongreß zur Begriffsbestimmung eines Kongreßthemas zu sein, und wünschte sich ins Stadion von Benfica Lissabon. Der Vertreter Senegals, Babacar Siné, warf den europäischen Kunstkritikern kolonialistische Begriffsverwirrung vor, eine ideologische, unwissenschaftliche Terminologie. Das war zumindest insofern ungerecht, als gleich der erste Referent, Jean-Louis Paudrac, sich so streng an die kunsthistorischen Fakten hielt wie ein Mönch ans Fasten.

Vehement wandte sich Babacar Siné gegen "Eurozentrismus" und "westlichen Kultur-Imperialismus": "Ihr habt die Macht, die Medien, die Wirtschaft", rief er seinen weißen Kollegen zu, "der Westen konzeptualisiert uns – wir wollen uns selbst verwirklichen, unsere eigene Kultur aus ihren Quellen verstehen und nicht mit westlichen Augen sehen, mit einer geborgten Ästhetik." Primitivismus, das sei die Kunst, in der Europa seine eigene Kindheit betrachte wie ein verlorenes Paradies. Am Tage nach dieser bedenkenswerten Attacke führte ihn der AICA-Ehrenpräsident René Berger mit Umarmungsdiplomatie ans Podium, und da war der Mann aus dem Senegal auch schon halbwegs entschärft. Babacar Siné, Absolvent der Sorbonne, sagte artig, ein Kind werde doch seine Mutter nicht in ihrer eigenen Wohnung schlagen, und referierte über die Mutation der afrikanischen Kunst durch die europäische Moderne.

Das schlechte Gewissen der westlichen Kunstkritiker war nicht der schlechteste Teil dieses Kongresses. Aber es wurde nicht fruchtbar, weil es nur retrospektiv blieb. Einer der wenigen, der das Thema in seinen sozialen Perspektiven sah, war der Jugoslawe Oto Bihalji-Merin, Sozialist, Spanienkämpfer und Experte der Naiven Kunst. In seinem nach vermeidbaren Widerständen des Präsidiums doch noch auf deutsch vorgetragenen Plädoyer für den eigenen Weg Afrikas reflektierte er auch die Forderung verschiedener Länder der Dritten Welt nach Rückgabe ihres Kulturbesitzes: Gebt uns unsere Vergangenheit wieder! Es ist die Frage der kulturellen Identität der afrikanischen Länder, zum Beispiel des Benin, dessen Bronzen in vielen Museen der Welt sind, aber nicht mehr im Benin. Mit diesem weitreichenden, vielleicht folgenreichsten Problem der internationalen Kulturpolitik ist die UNESCO seit langem beschäftigt. Die AICA wäre durchaus befugt, engagierter darüber nachzudenken, als sie es in Lissabon tat.