Von Karl-Heinz Wocker

Blackpool, im September

Die sogenannten Badeorte an der Irischen See bieten ihrem Publikum in diesem Jahr ein Wechsel vergnügen aus herbstlicher Golfstromschwüle und schrägem Regenwind. Aber alle Hotels und Pensionen sind voll: Der schulkinderlose Teil der britischen Arbeiterschaft macht die alljährlichen Ferien in Blackpool, mit Ermäßigung für die Nachsaison und Aufschlag wegen der Strandilluminationen. Im "Wintergarten", dem überdachten Rummelkomplex, bespricht der Vortrupp der Labour Party die nötigen Arrangements des Parteitags, der am Montag hier beginnt. Die britische Linke will das Wohl ihrer Anhänger wieder einmal neu formulieren.

Glaubt man freilich dem Gallup-Institut, so sind die britischen Arbeiter derzeit mit ihrem Los zufriedener als die aller anderen westlichen Länder, ausgenommen die der Bundesrepublik. Zufriedenheit ist freilich nicht das Stichwort der gegenwärtigen politischen Diskussion bei Labour. Allerdings gibt es keine einheitliche Debatte in der Partei und auch kein verbindliches Gremium, in dessen Reihen sie ausgetragen werden könnte. Die Zielvorstellungen der Mehrheit der Parteispitze und die Alltagsarbeit der Regierung sind so wenig untereinander zu vereinbaren, daß man annehmen könnte, Labour bestehe aus zwei verschiedenen Parteien. Die Labour Party war stets und ist auch nach vielen Jahren an der Macht noch immer eine vielfältige, politische Landschaft mit eigener "Regierung", eigener "Opposition" und eigenem "Parlament".

Im Unterhaus sitzt keine Fraktion der Partei, sondern eine weitgehend selbständig handelnde Gruppe mit dem Namen Parliamentary Labour Party. Sie wählt den Mann, der als Premier oder Oppositionsführer auch der Partei vorsteht. Anderseits ist aber der Parteitag das angeblich alles entscheidende Forum. In den übrigen 51 Wochen amtiert ziemlich souverän der Parteivorstand, in dem aber die Minister und Abgeordneten wieder in der Minderheit sind. Die Mehrheit des Parteitages wird dagegen durch die Gewerkschaften bestimmt, die mit den frischgefaßten Beschlüssen ihres eigenen Jahrestreffens anrücken. Was in Blackpool debattiert wird, wurde schon auf dem Gewerkschaftskongreß in Brighton festgesetzt. Nach den Beschlüssen beider Gremien aber braucht sich die Labour-Regierung offiziell nicht zu richten. So ist also für ein Höchstmaß an ineffektiver Balance der Macht in der Partei stets hinreichend gesorgt.

In einer so organisierten Partei läßt sich das allgemeine Wohl der britischen Arbeiterklasse leichter definieren als beispielsweise der akute Ausweg aus der Pfundkrise. Parteivorstand und Delegierte unternehmen viel, um den Jahreskongreß von Labour zum Beschließen des Unmöglichen zu bringen. Die Regierung unterläßt indes alles, was den Eindruck erwecken könnte, solche Beschlüsse würden auch in die Tat umgesetzt. Was man demnach als unbegreifliche politische Farce ansehen müßte, gewinnt in Drangzeiten den Rang des einzig denkbaren Heilverfahrens.

Aus einer strikt vertikal geordneten Labour Party mit Willensbildungszug von unten nach oben (oder umgekehrt) wären große Teile der Anhängerschaft längst ausgebrochen. Die jetzt um ein weiteres Jahr verlängerte Begrenzung der Lohnerhöhung auf nicht einmal die Hälfte der Inflationsrate ließe sich in England per Regierungsverordnung gewiß nicht durchsetzen. Gäbe es umgekehrt ein imperatives Mandat, so wären einer solch drastischen Lohnbeschränkung sicherlich derart viele Auflagen für die Regierungspolitik beigegeben worden, daß die Wirkung hätte verpuffen müssen.