Von Kurt Becker

Rainer Barzels Buch – teils Autobiographie, teils Sachbuch – ist anregend und aufschlußreich. Hier hat sich ein Mann selber porträtiert, dessen politisches Handeln für eine wichtige Wegstrecke am Anfang dieses Jahrzehnts bedeutsam gewesen ist. Aber Barzel verdrießt auch seine Leser. Sprunghaft packt er Themen an, läßt sie sogleich wieder fallen und greift sie dann in einem anderen Zusammenhang wieder auf; er reiht viele temperamentvoll vorgetragene pointierte Urteile aneinander, ohne sie systematisch zu vertiefen. Die unerträglich vielen Ausrufezeichen ersetzen schließlich keine Argumentation. Nachdenkliches und Selbstgefälliges wird oft zu pathetisch oder zu gedrechselt ausgebreitet. Der Redner Barzel ist eindrucksvoller als der Autor Barzel.

Interessant ist Barzels Buch wegen vieler überzeugender, plausibler oder zumindest doch zu respektierender Bewertungen und Einschätzungen der inneren geistigen Verfassung in der Bundesrepublik und in Westeuropa. Barzel trägt mit einigen Passagen seines Buches zur gesellschaftspolitischen Theorie-Diskussion innerhalb der CDU und zur Definition der Freiheit bei. Er greift Grundsatzprobleme auf, die sonst durch das politische Alltagsgeschäft niedergewalzt werden. Erfrischend und imponierend ist die neue Qualität der Unabhängigkeit und der Eigenständigkeit, die Barzel gewonnen hat.

Das war nicht immer so. Der Oppositionsführer und Kanzlerkandidat Barzel hatte oft – zu oft – wider seine Überzeugungen gehandelt, um in der Union mehrheitsfähig zu bleiben. An der Überschätzung des taktischen Anteils am politischen Erfolg ist Barzel mindestens ebenso gescheitert wie an dem mißlungenen Versuch, Willy Brandt zu stürzen, oder wie an der verlorenen Wahl von 1972. Hätte er beizeiten seine Karriere notfalls aufs Spiel gesetzt, um die Durchsetzung seiner Einsichten zu erkämpfen, wäre ihm vielleicht ein so bitteres Ende erspart geblieben.

Barzel freilich sieht es anders: Er betrachtet sich als Opfer von Schüssen aus dem Hinterhalt. Aber zeigt dies nicht nur, daß er seinen Sturz auch heute noch nicht verwunden hat?

Rainer Barzel erzählt in seinem Buch zunächst von sich selber – wie er zur Politik kam, wie sie ihn faszinierte, welche herben Enttäuschungen sie ihm bereitete: den Sturz vor drei Jahren. Er lüftet sodann das Geheimnis über die Anfänge des Freikaufs von politischen Häftlingen in der DDR, den er als gesamtdeutscher Minister eingeleitet hatte und der bis heute etwa 20 000 Menschen die Befreiung brachte.

Rainer Barzel: "Es ist noch nicht zu spät"; Droemer Knaur Verlag, München 1976; 190 S., 19,80 DM.