Lateinamerika: Themenschwerpunkt dieser Buchmesse

Von Dieter E. Zimmer

Er begrüße sie im Fegefeuer der Buchmesse, sagte Hans Magnus Enzensberger auf einem Verlagsempfang, dazu bestimmt, lateinamerikanische und deutsche Autoren miteinander ins Gespräch zu bringen – Fegefeuer, weil sie nicht ewig währe und eine Chance der Erlösung lasse. Und in den anwesenden deutschen Gästen begrüßte er ein wackeres Völkchen: "Die letzten Entdecker Lateinamerikas."

Tatsächlich fand vor und während der Messe ein Kraftakt statt. Die Mauer zwischen der südamerikanischen Literatur und dem deutschen Leser sollte eingerissen werden. Zum erstenmal hatte der neue Messedirektor, Peter Weidhaas, diesem sonderbaren Treffpunkt von Kommerz und Ideen, der die Frankfurter Buchmesse ist, einen thematischen Schwerpunkt gegeben: Bücher aus und über Lateinamerika. Und eine Reihe deutscher Verlage war bemüht, klarzumachen, daß es an ihnen nicht mehr liegen soll, wenn das deutsche Publikum weiterhin im Zustand der Ahnungslosigkeit bleibt.

Der deutsche Leser, auf den in diesen Tagen nun Namen über Namen lateinamerikanischer Autoren niederprasseln, die er nichtbehalten und nicht aussprechen kann und bei denen er oft nicht einmal weiß, wo der Vorname aufhört und der Nachname beginnt (der neue PEN-Präsident Mario Vargas Llosa aus Peru heißt nicht "Lohsa", sondern "Bargas Jossa"), wird sich irritiert fragen: Muß er denn? Muß er das nun alles lesen? Wo soll er anfangen? Und warum gerade lateinamerikanische Literatur und nicht schwedische, serbokroatische oder japanische, da doch seine Aufnahmefähigkeit, schon physisch, endlich ist?

All die Anstrengungen, der lateinamerikanischen Literatur zum späten Durchbruch im -deutschen Sprachbereich zu verhelfen, haben in der Tat eine stillschweigende Prämisse daß die Literatur Lateinamerikas nicht auf einen Gnadenerweis angewiesen ist, daß es kein karitativer Akt ist, sie zur Kenntnis zu nehmen, daß sie es nicht nötig hat, dem deutschen Publikum als Pflichtpensum verordnet zu werden (wäre es so, so wären alle Mühen von vornherein vergebens), daß nicht sie den Schaden davontrüge, wenn sie weiter als irgendein Exotikum von oben herab abgefertigt würde, sondern daß den Schaden der deutsche Leser selber hätte. Die Zeiten liegen nicht lange zurück, als die deutsche Kultur tief von der amerikanischen und der französischen imprägniert wurde und jeder, der Hemingway oder Camus nicht kannte, sich selber ausrangiert hätte. Die Frage, die sich jetzt stellt, der Test, der jetzt begonnen hat, lautet: Sind wir inzwischen so saturiert und sklerotisch, daß wir, um nur zwei Namen zu nennen, Carpentier und García Márquez nicht mehr in der gleichen Weise absorbieren können?

In gewisser Weise sind die Bücher dieser beiden, aber nicht nur dieser beiden lateinamerikanischen Autoren der Gegenpol, die Komplementärfarbe zu dem Besten, was heute in deutscher Sprache geschrieben wird: den skrupulösen, nahsichtigen, introvertierten Erkundungsgängen eines Peter Handke oder Nicolas Born zum Beispiel. Ein großer Teil der lateinamerikanischen Literatur dagegen ist extrovertiert, voll von Geschichten und Geschichte; sie ist politisch, ohne deswegen ästhetische Konzessionen zu machen; sie ist nicht gewissenhaft auf Modernität versessen, weil sie aus einer Gesellschaft mit einem anderen Zeitgefühl kommt, in der noch heute Steinzeit und Industrialismus nebeneinander bestehen; sie hat es nicht mit einer gründlich ausformulierten Wirklichkeit zu tun, sondern mit einer, die darauf wartet, zum erstenmal benannt zu Werden; auf ihr lastet eine ganz andere Hoffnung: Sie soll dem Subkontinent zu seiner Identität verhelfen, sie soll die Wahrheit dingfest machen, wo offiziell die Lüge herrscht.