Von Theo Sommer

Die Wehleidigen, die Kritikempfindlichen, die blinden Verehrer des Status quo werden Max Frischs Frankfurter Friedenspreisrede nichts abgewinnen können. Da sprach ein melancholischer Demokrat; ein Literat, der Diktaturen unter jedwedem Vorzeichen verneint; ein Bürger, der den Staat für notwendig hält, nicht aber seine Vergötzung als Obrigkeit oder als Vaterland. Er wollte Mut machen, wollte Hoffnung wecken, wollte der Wahrhaftigkeit zur Wirklichkeit verhelfen. Es war ein löbliches Unterfangen und ein notwendiges.

Dabei verschlägt es wenig, daß der Schriftsteller, wo er sich als Politologe versuchte, mancherlei Plattes und vielerlei Vages in sein Plädoyer verwob; zuweilen erinnerte seine Ansprache an Paul Valérys Wort: "Denken heißt den Faden verlieren." Er trug vor, was einem intelligenten Laien wohl einfällt, wenn er unversehens Zusammenhängendes zur Politik aussagen soll. Die begriffliche Unschärfe der Zeitkritik hat Frisch, der Linksliberale, dabei nicht zurechtgerückt, sondern übernommen. So kommt es wohl, daß er an keiner Stelle Sachverhalte analysiert hat. Er begnügte sich mit einer Auflistung von Vermutungen, von Befürchtungen. Dabei ist ihm auch manches schief geraten.

Item: sein Aufruf zur Gemeinschaft; da klingt hierzulande, wenn nähere Definition nicht mitgeliefert wird, zu stark noch die Volksgemeinschaft unseligen Angedenkens durch.

Item: sein Feindbild-Diskurs, um dessen Schlüssigkeit willen er übersah, daß wir, die meisten jedenfalls, den Kalten Krieg psychologisch und ideologisch überwunden haben; daß die Bundeswehr offiziell jegliches Feindbild abgeschafft hat; und daß ein "antizipatorisches Feindbild" – zu deutsch doch: Angst vor der anderen Seite – uns durch das Denken und Handeln der Ostmächte nahegelegt wird, obgleich wir nur zu gern darauf verzichteten.

Item: Frischs Begriff von Eigentümer-Macht. Er ist von Marxscher Simplizität, als wüßten wir nicht längst, daß es in Wahrheit um Verfügungsmacht geht und daß diese Verfügungsmacht – womöglich noch nicht genug, aber immerhin schon ganz kräftig – gestutzt und zurückgebunden worden ist auf das öffentliche Wohl.

Item: die Vorstellung, daß unsere Armee letztlich gedacht sei zum Einsatz gegen die eigene Bevölkerung; eine – milde gesagt – unstatthafte Gleichsetzung von Rolle und Auftrag bewaffneter Macht in Ost und West.