Travemünde

Das Fahndungsbuch hatte bei der Paßabfertigung in Travemünde auf dem Tisch gelegen. Das Deutsche Fahndungsbuch der Bundesrepublik, neueste Ausgabe. "Weil DDR-Spione kleinen Formats sich jetzt abzusetzen versuchen. Der Verfassungsschutz wird in letzter Zeit so oft fündig", kombinierte ein Passagier. Dafür prangte in grellem Rot ein Steckbrief am DDR-Zollgebäude auf der Ausländerpier in Warnemünde: "Gesucht wird Werner Weinhold – 100 000 Mark Belohnung." Zwischen dem Fahndungsbuch und dem Steckbrief liegen 47 Seemeilen.

Pünktlich um 9.30 Uhr legt das Schiff an der Kaiserbrücke in Travemünde ab. Unter Deck spielt eine Drei-Mann-Kapelle "Muß i denn...", sitzen rund 500 Bundesbürger, schreiben ihren Namen, ihre Nationalität ("deutsch, oder was?"), zählen ihr Kleingeld nach, überlegen, ob der Photoapparat einzutragen, das Westgeld auf Heller und Pfennig anzugeben ist. Unsicherheit und Krampf beim Ausfüllen der Zählkarten, der Zollinhaltserklärung. Man möchte nichts falsch machen. Den Papierkrieg im Reiseverkehr mit der DDR auf diese zwei Formulare zu beschränken, das Tagesvisum an Bord erteilen zu können, ohne daß es vor Antritt der Reise von jedem Passagier selbst beantragt werden muß, ist dem Hamburger Reisebüro Hansa-Tourist und der Reederei Hadag nach über zweijährigen Gesprächen und Verhandlungen mit dem staatlichen DDR-Reisebüro gelungen.

Dreieinhalb Stunden braucht das Schiff mit seinen 19 Knoten, bis es in Warnemünde festmacht. Die Zeit vergeht mit kleinen Gerichten aus der Bordküche, mit Spaziergängen über die beiden Decks, bei denen man immer wieder an der Bar vorbeikommt. An der Reeling wird geschwiegen. An der Theke geschwätzt. Die Zeit könnte etwas sinnvoller zugebracht werden, hätte der Reiseveranstalter Stadtpläne und Prospekte von Warnemünde und Rostock dabei. Er will es "künftig berücksichtigen", wurde versprochen. "Wir und auch die Leute in der DDR müssen ja erst noch Erfahrungen sammeln in diesem Geschäft."

Tagesausflüge sind in der Urlaubsbranche ein alter Hut. Tagesausflüge in die DDR dagegen nicht. Die unternahm zum erstenmal im Juni der Neustädter Reeder Peter Deilmann, will nach der Hadag vom 18. September an auch die Hamburger TT-Linie aufnehmen. Touristik-Manager drängen ins DDR-Geschäft, "obgleich damit noch nicht Kasse zu machen ist". Das fange erst bei 800, besser noch 1000 Passagieren pro Fahrt an. Ein Hadag-Sprecher: "Wir schielen auf 1977, und dann mindestens wöchentlich vom Frühjahr bis zum Herbst durchgehend." Bislang mag die DDR nur 500 bis 800 Tagesausflügler pro Schiff verkraften. Die 21 Knoten schnelle "Alte Liebe" soll den Passagierverkehr in die DDR lukrativ werden lassen. "Um die 1000 Passagiere hingegen stehen uns besser zu Gesicht", findet die Hadag und meint die Bilanz. Ob da allerdings die DDR mitmachen werde, bleibe abzuwarten. Einmal abgesehen vom augenblicklichen Tief in der deutsch-deutschen Klimazone, ist Warnemünde durch DDR-Urlauber stets gut ausgebucht.

Indessen ist das kommerzielle Interesse beiden Seiten gemeinsam. Ein Drittel der 59 Mark pro Person ab Travemünde (ab Hamburg sind es zehn Mark mehr) streicht für Visagebühren, Busrundfahrten und Kaffeetafel im Warnemünder Nobel-Hotel "Neptun" die DDR ein. In diesem gerade erschlossenen Tages- und auch Wochenendreiseverkehr tasten sich die Reedereien nur zaghaft vor, gibt die DDR neuen Wünschen nur zögend nach, hat sich jedoch das Hamburger Reisebüro Hansa-Tourist eine Art Monopolstellung gesichert: "Die Reedereien stehen bereits im Wettbewerb miteinander, aber mit uns muß jeder, an uns kommt keiner vorbei." Hansa-Tourist hat den Trumpf in der Hand: Das Landprogramm. "Ohne Landprogramm kann man die Tour gleich vergessen." Was die schwedische Sessan-Linjen längst gemerkt hat. Sie dachten, ein nettes Zusatzgeschäft machen zu können, verkauften Bordkarten auf ihrem Tanker für eine Drei-Stunden-Küstenfahrt in die DDR und ernteten, in Warnemünde angekommen, massiven Undank der Passagiere. Die durften, nämlich nicht von Bord, hatten statt dessen aber Gelegenheit, in Ruhe zu beobachten, wie der schwedische Tanker preiswerten DDR-Treibstoff bunkerte.

Vor der Hafeneinfahrt nach Warnemünde, auf Rostock-Reede, geht an Backbord die Klappe auf, kommen der Lotse und sieben Mann von der DDR-Paßabfertigung an Bord, bleibt das kleine DDR-Motorschiff "Krabbe" brav im Kielwasser des Dampfers. Bereits hier setzt der ostdeutsche Service ein. Tagesvisa werden haufenweise gestempelt, samt Reisepaß an die Passagiere ausgegeben, nachdem das Schiff in Warnemünde am Kai angelegt hat. Dann darf der ganze Schwung von Bord, eine Viertelstunde, zwanzig Minuten vielleicht nach dem Festmachen. Und nun hinein zur Gesichts- und Zollkontrolle. Weder das linke noch das rechte Ohr waren gefragt, kein Blick in die Tasche. Zwölf Busse warten, die Westmark-Deutschen nach Rostock zu kutschieren.