Es ist nicht wahr, daß das Wahlprogramm der Opposition nur aus Schall und Rauch besteht. Jedenfalls dann nicht, wenn man das Buch

„Union alternativ“; Seewald Verlag, Stuttgart 1976; 552 S., 38,– DM

in Betracht zieht. Denn der dickleibige Band versammelt 36 Autoren, die in Originalbeiträgen – mögen sie manchmal auch von Ghostwritern stammen – auseinanderlegen, was die Union, sollte ihr der Wahlsieg beschieden sein, besser oder anders zu machen gedenkt. Wenn man so will, handelt es sich um ein Regierungsprogramm en detail – an Vielfalt und Substanz turmhoch jenem Papier überlegen, das die CDU/CSU den Stimmbürgern als Wahlplattform präsentiert hat. Das gilt auch dann, wenn man berücksichtigt, daß Kurzfassungen für den Straßengebrauch anders konzipiert sein müssen als ein ausgewachsenes Buch.

Das Autorenaufgebot, das die Herausgeber Gerhard Mayer-Vorfelder und Hubertus Zuber zusammengebracht haben, ist eindrucksvoll. Neben der Prominenz wie Kohl, Strauß, Stoltenberg oder Kiep stehen Fachleute wie Heeremann oder Russe und manche „Nachgewachsene“ wie Rommel oder Wissmann. Und nach Sachgebieten gegliedert deckt die Themenauswahl fast das ganze politische Problemspektrum ab.

Polemik ist relativ selten. Bei der Lektüre des Beitrags von Bruno Heck zum Thema „Staat und Gesellschaft“ zum Beispiel wünscht man sich, daß die Debatte über die Fragen, die von der Reizparole „Freiheit oder Sozialismus“ demagogisch verkürzt werden, so fair und nachdenklich geführt würde, wie es in diesem Aufsatz geschieht. Und was immer man von den Vorschlägen etwa Heinrich Geißlers zur Sozialpolitik oder Hans Maiers zur Bildungspolitik halten mag – daß sich ihr Problembewußtsein auf der Höhe der Zeit befindet, läßt sich kaum bestreiten.

Was die Union hier alternativ vorführt, ist freilich für sie auch im guten wie im schlechten Sinne repräsentativ. In der Ostpolitik hält Werner Marx längst hinfällig gewordene Positionen noch immer besetzt; Karl Carstens kommt über hohle, manchmal geradezu komische Deklamationen nicht hinaus (über die Erfolge der CDU/CSU-Bundestagsfraktion schreibt er: „Ihre klare und überzeugende Kritik führte 1974 zum vorzeitigen Rücktritt des Kabinetts Brandt“); und Dregger bleibt Dregger. Am schlimmsten und weit unter dem Niveau aller anderen Beiträge ist das, was Karl Steinbuch beigesteuert hat („Unter Verantwortung der Union wurde ... ein Staat aufgebaut, ... in dem Frauen noch ohne Angst durch die Straßen gehen konnten“).

Doch das ist die einzige Ausnahme in einer Sammlung, die einen guten Überblick über die von der Union angebotenen Alternativen verschafft. Sollte es demnächst zur Regierungserklärung eines Kabinetts Kohl kommen und wäre dann nach vier Jahren Bilanz zu ziehen, wird man das Buch zur Hand nehmen und vergleichen.

C.-C. K.