Die Untersuchung der in Japan gelandeten sowjetischen MiG-25 dauert noch an. Erste Ergebnisse aber zeigen schon: Der "Wundervogel" wurde im Westen überschätzt.

Am 6. September um 1.11 Uhr Ortszeit erfaßten vier japanische Boden-Radaranlagen ein unbekanntes Luftziel in rund 5600 Meter Höhe etwa 320 Kilometer vor der Westküste der nördlichen Insel Hokkaido, das sich in östlicher Richtung bewegte. Dreizehn Minuten später durchflog eine MiG-25 die japanische Luftraumgrenze und steuerte den Flugstützpunkt Chitose an. Vier Minuten zuvor waren dort zwei japanische Phantom-Jäger angestiegen, um das unbekannte Flugzeug abzufangen. Um 1.26 Uhr verschwand der Lichtpunkt von den Radarschirmen: Die MiG-25 war in Tiefflug übergegangen, und die japanischen Abfangjäger konnten nicht mehr per Radarführung vom Boden auf sie angesetzt werden. 31 Minuten später landete Oberleutnant Viktor Belenko von der sowjetischen Luftwaffe ungehindert auf halber Strecke der 2200-Meter-Piste des Zivilflugplatzes Hakodate und raste etwa 250 Meter über deren Ende hinaus, bis das Flugzeug ganze sechs Meter vor einem Antennenmast zum Stehen kam.

Belenko war zusammen mit zwei anderen MiG-25 seines Jagdfliegergeschwaders von dem sowjetischen Militärluftstützpunkt Sakharova, knapp 200 Kilometer nordwestlich von Wladiwostok, gestartet und dann aus dem Formationsübungsflug ausgebrochen. Er hatte die Sowjetunion bis über die Küste hinaus in etwa 50 Meter Höhe überflogen und war dann über dem Meer, außerhalb der Seitenreichweite des Luftverteidigungs-Radargürtels, auf etwa 6000 Meter Höhe gestiegen. Dann flog er den japanischen Luftstützpunkt Chitose an. Da eine dichte Nebeldecke über diesem Raum lag, wich er nach Hakodate aus.

Für die rund 1250 Kilometer Flugweg mit Start, Tiefflugstrecke, Kreisen im Raum Chitose und Landung in Hakodate nach dem treibstoffsparenden Höhenflug über See verbrauchte Belenkos vor dem Start voll aufgetankte MiG 95 Prozent ihres Treibstoffs. Das Flugzeug hatte mit den rund 1300 Kilometern von Sakharova nach Hakodate etwa die Einsatzreichweite (oder Eindringtiefe) aufgebracht, die vorher der MiG 25 im Westen zugeschrieben worden war.

Belenkos Flug bestätigte, daß bei etwa 1400 Kilometern für die MiG-25 der Endpunkt des operativen Fluges erreicht ist. Die technische Reichweite wird mit rund 3000 Kilometern bei optimaler Flughöhe und Geschwindigkeit angenommen.

Die zweite wichtige Information war vom Geschwindigkeitsmesser abzulesen: Er war bei 2,8 Mach blockiert, also 0,4 Mach weniger als die angenommene Höchstgeschwindigkeit von 3,2 Mach (3380 Stundenkilometer) in 12 000 Meter Flughöhe. Die MiG-25 ist deshalb den modernsten amerikanischen Kampfflugzeugen nicht so überlegen wie behauptet worden war. Wie alle anderen modernen sowjetischen Kampfflugzeuge ist sie außerdem im militärischen Einsatz "kurzbeiniger" als die vergleichbaren amerikanischen Typen, die alle einen größeren Aktionsradius bei sehr viel größerer Traglast haben.

Die Detailuntersuchungen und die Auskünfte des Piloten, der 30 Flugstunden auf der MiG-25 hatte, aber vorher Fluglehrer auf der 0,5 Mach schnellen Sukhoi SU-15 gewesen war, haben seither weitere Informationen erbracht, die den Mythos des unbekannten Superstars MiG-25 zerstören. Sie hat keinen Schleudersitz. Ihre Allwetterfähigkeit ist ungesichert, weil ihre Enteisungsanlage nicht zuverlässig bei jeder Temperatur funktioniert. Sie braucht unverhältnismäßig lange, bevor sie Mach 2.8 erreicht – ihre Beschleunigung ist relativ gering. Sie hat Schwierigkeiten, hohe Geschwindigkeiten über längere Zeit zu halten. Ihr Bordradar und die elektronischen Navigations-, Ziel- und Feuerkontrollanlagen für die Raketen-, Bomben- und Bordkanonen, die wahlweise zugerüstet werden können, werden derzeit noch untersucht, Zumindest das Radargerät scheint ein Exemplar zu sein, das den Vergleich mit den amerikanischen nicht aushält, sondern einen mehrjährigen technischen Entwicklungsrückstand anzeigt.