Abends, hinter Worth Matravers, begegnete uns der Alte mit dem Eierkorb. Er stellte ihn ab, um uns ausführlich mit den Besonderheiten der Gegend vertraut zu machen. „Und vor allem seien Sie vorsichtig, wenn Sie in Chapman’s Pool übernachten. So heißt das Tal da unten. Stellen Sie keine offenen Gefäße mit Wasser auf. Machen Sie keinen Lärm, dann werden sie nicht kommen. Sie brauchen aber keine Angst zu haben.“

Was wir gerade gehört hatten, war kein altbewährtes Rezept gegen Dämonen, sondern gegen Schlangen, und wir befanden uns nicht etwa in Neuguinea, sondern im Süden Englands, genauer an der Küste von Dorset. Auf dieser Fahrt sollten wir noch viel über Schlangen lernen, mit der Angst als Lehrmeister. Jedoch nur einmal kroch ein solcher paradiesischer Wurm über unseren Weg: die schöne, giftige Kreuzotter.

Schlangen oder nicht, die Fülle der Landschaft entfaltet sich nur dem Wandernden. Wir folgten dem gut markierten Küstenpfad von Dorset (die Grafschaft etwa – zwischen Bournemouth und Weymouth), der in Swanage beginnt, sich getreu und zu den besten Aussichten führend an der Küste entlangschlängelt bis Weymouth. Karger, kalkiger Boden, dürr in der Hitze, die Zivilisation weit hinten. Mittagspause in der Schmugglerbucht zwischen steilen Klippen: Geschrei der Seevögel und der Geruch, den der Wind von entfernten Schafen herüberträgt.

Ein Teil des Pfades, etwa 15 Kilometer, in der Nähe von Lulworth Cove führt durch vermintes Militärgelände. Die Armee hatte diesen Teil vor kurzem der Öffentlichkeit als Wanderweg überlassen, nicht ohne das Verbot, vom Wege abzugehen: wegen Lebensgefahr. Durch die jahrzehntelange Sperrung ist hier ein Stück wildeste Natur erhalten geblieben, die mit fremdartigen Schmetterlingen, scheuem Hoppelvolk und seltener Flora aufwartet. Beim häufigen Aufscheuchen der Kaninchen fragt man sich, warum das Tier noch nicht seinen Platz in der englischen Nationalflagge gefunden hat, zumal es ja schon das herausragende Kinderbuchtier dort ist.

Exemplare der zweifüßigen Spezies trafen wir nur in der Nähe von Parkplätzen: Homo sapiens ist weder scheu noch wild, er liebt einfach Komfort und Coca-Cola. Aber Naturwundern begegnet man auf Schritt und Tritt, wenn man die Augen und das guide-book aufhält: zum Beispiel der Fossilwald bei Lulworth oder Durdle Door – ein vom Meer zum Tor gemachter Felsen, von dem sich einer der Helden in Thomas Hardys Romanen stürzt.

Womit wir bei Hardy wären, und bei Kulturwundern. Es empfiehlt sich, sich in Lulworth, Weymouth, Swanage oder auch Dorchester in einem Campingwagen, Zelt oder Bed & Breakfast House (im Sommer 1976 zwischen zweieinhalb und drei Pfund) niederzulassen und von dort Tagestouren zu unternehmen. Die Entfernungen zu sehenswerten Orten sind gering. Und es gibt genug zu sehen, vor allem für den prähistorisch und literarisch Interessierten.

Das alte Wessex (Westsachsen), das Dorset, Somerset, Avon, Wiltshire und Teile anliegender Provinzen umschließt, ist in dieser Hinsicht eine der reichsten Landschaften Englands: Der nackte Riese von Cerne Abbas, der vor vielen Jahrhunderten als Fruchtbarkeitssymbol in den Berg geritzt wurde, steht für eine ganze Klasse solcher Bergzeichnungen von weißen Pferden und langen Männern – Maiden Castle wie Maumbury Ring, eine keltische Erdfestung bei Dorchester; die Hexe von Wookey Hole; die Himmelsstufen der Kathedrale von Wells; Stonehenge und Avebury; 3000jährige Höhlengräber und so fort,