Dillingen

Der Bauernpoet Alois Sailer aus dem Donauried brauchte nicht lange zu reimen. Vom heiligen Zorn der bayerischen Schwaben beflügelt, fand er auf Anhieb jenen frommen Vers, der Ohnmacht und Gottvertrauen zugleich ausdrückt: „Herr, gib du Fried dem Donauried, bewahr dies Land vor Unverstand.“

Seit kurzem ziert der Spruch ein viermal mannshohes Feldkreuz aus Beton, das, Pfarrer Karl lieber nach katholischem Ritus weihte. Bei der Feier kam der geistliche Herr auch gleich zum Thema, als er mahnte: „Das Gebot Gottes, die Natur zu beherrschen, sollen wir nicht in dem Sinne auffassen, daß wir die Natur schänden und vernichten.“ Just dies wollen die gottesfürchtigen-Bauern der Region an der bayerisch-baden-württembergischen Landesgrenze gemeinsam mit Naturschützern verhindern, denn dort, wo heute noch Mehlprimeln blühen und Graureiher nisten, soll bis zum Ende diesesJahrzehnts eine gigantische Versuchsstrecke für Hochleistungsschnellbahnen entstehen.

Die Erprobung dieser mutmaßlichen „Technologie der Zukunft“ wollen sich Bundesbahn, Verkehrs- und Forschungsministerium sowie ein knappes halbes Dutzend beteiligter Industriekonzerne gut eine Milliarde Mark kosten lassen. Auf einem achtförmigen Rundkurs von 57 Kilometern Länge und 60 Metern Breite sollen Ingenieure und Techniker im Gebiet zwischen Donau und Zusam herausfinden, mit welcher Technik, wie schnell und wie umweltfreundlich die gute alte Bundesbahn am besten ins zweite Jahrtausend fährt: mit Rad und Schiene bei Höchstgeschwindigkeiten zwischen 300 und 500 Kilometer pro Stunde oder mit der seit fünf Jahren von zwei deutschen Firmenkonsortien entwickelten Magnetschwebebahn.

Während Forschungsminister Matthöfer in dieser neuartigen Technik bereits „einen triumphalen Exportschlager der deutschen Industrie“ vermutet, sind die weniger fortschrittsgläubigen Naturschützer skeptisch: „Diese Hochleistungsschnellbahn ist für uns und für andere so unnötig wie ein Staubsauger in der Sahara“, verkündete Hubert Weinzierl, der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, bei einer Protestversammlung von 3000 zornigen Bauern und Ökologen. Und Herbert Gruhl, der Präsident des Deutschen Bundes für Naturschutz, befand, daß „wir heute nicht den Lebensraum unserer Kinder und Enkel zerstören dürfen, nur um. einigen wenigen Industriefetischisten ein Spielzeug in die Hand zu geben“.

Dieses „Spielzeug, mit dem einige Verrückte ihre technomorphen Gehirne verwirrt haben“ (Weinzierl), hat freilich seit seinem Entstehen auf dem Reißbrett schon rund 200 Millionen Mark aus dem Etat des Bonner Forschungsministeriums verschlungen. Einige Hundert Ingenieure entwickelten bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm und Krauss-Maffei in München sowie bei Siemens, AEG und BBC in Erlangen fahrbereite Testzüge, die unter den Bezeichnungen „Transrapid“ und „Komet“ alle Jahre wieder öffentlich vorgezeigt werden. Und dabei fehlt nie die Verheißung, daß die neue Technik nach der Investition von ein paar Milliarden Mark die Reisezeit zwischen Hamburg und München von heute sieben um zwei Bahnstunden reduzieren werde. Wobei freilich meist verschwiegen wird, daß ein Lufthansa-Flugzeug für diese Distanz heute ohnedies nur eine Stunde benötigt.

Die Versuchsstrecke, die deren Gegner am liebsten irgendwo in der afrikanischen Wüste oder besser noch nahe ähnlicher Anlagen im amerikanischen Mittelwesten ansiedeln wollen, mobilisierte den geschlossenen Widerstand der Betroffenen in Donauried. Seit die Regierung von Schwaben das Raumordnungsverfahren für den Testkurs als „gerade noch vertretbar“ billigte, kann sich die „Schutzgemeinschaft Donauried e. V.“ über mangelnden Zulauf nicht mehr beklagen. Gut 300 direkt betroffene Bauern mit ihren 500 Hektar großen, erst von den Großvätern kultivierten Feldern wehren sich ebenso gegen die Versuchsstrecke wie die Naturschützer, die den Verlust einer der letzten noch fast unberührten Naturlandschaften Deutschlands befürchten, in denen sich die Brut- und Nistplätze mehrerer vom Aussterben bedrohter Vogelarten befinden.