Daß Umweltschutz eine nützliche Sache ist, wurde hundertmal bewiesen. Auf welch sympathische Art sie vor sich gehen kann, zeigt sich an der Saar. Hier wurde eine Halde nicht nur grün, sondern auch gehaltvoll: Sie wurde ein Weinberg. Es ist nur ein kleiner Weinberg am Südhang der Bergehalde der Grube Ensdorf und "Berg" ist übertrieben, aber immerhin reifen seine 99 Stöcke jetzt wieder mal der Lese entgegen. Daß es keine 100 oder 150 oder noch mehr sind, liegt am Weingesetz: Von 100 Stöcken an dürfen sie nur unter strengen Bestimmungen wachsen.

So ernst ist dieser süffige Versuch nun auch wieder nicht gemeint, denn wirtschaftlich kann diese Art Rekultivierung häßlicher Halden nie werden. So bleibt es bei der Schnapszahl 99, die weiß, was sie sich schuldig ist: 300 Liter Wein pro Jahr, abgefüllt in 400 Flaschen mit dem beziehungsreichen Namen "Ensdorfer Sonnenflöz" sind der Ertrag der Halden-Lage.

Vielleicht wäre ein Bergmann passender als jene junge Dame auf dem Etikett, denn der Wein gedeiht inmitten dies Grubengeländes. Er wächst auf der höchsten Halde im Saarland mit jetzt schon an die hundert Meter, deren steiler Südhang den Müller-Thurgau-Reben wohl bekommt.

Der Wein-Idylle steht nicht weit entfernt davon das harte Tagesgeschäft gegenüber. Die Halde ist noch in Betrieb: Aus dem Berg kommt ein neuer Berg aus Schiefergestein, das als Abfallprodukt der Kohle zurückbleibt.

Für den Wein dient dieser schwarze Kohlenschiefer als Heizung. Er speichert die Wärme länger und treibt die Temperaturen höher, als es teilweise die Lagen an der Mosel schaffen. Mit der Wärme von unten und der Sonne von oben reift ein Wein von ansehnlich hohen Graden. Nach Öchsle gemessen einmal sogar von über 100. Das war im guten Weinjahr 1971, dem zweiten Jahrgang des "Sonnenflöz" überhaupt. Erst 1968 waren die Rebstöcke gepflanzt worden, was nicht ganz einfach war. Jeder Stock brauchte ein eigens vorbereitetes Humusloch: inmitten des sterilen Gesteins.

Natürlich gibt es dieses Abfallprodukt des Saarbergbaus nicht für Normalverbraucher und auch nicht zu kaufen. Als Rarität wird es verschenkt. Ausgesuchte Besucher der Grubenanlagen können auf und mit "Sonnenflöz" anstoßen. Als Winzer haben die Saarbergwerke ansonsten nichts im Sinn.

Mit der Lese dieses saarländischen Anbaugebiets wird nicht viel Federlesens gemacht. Eine halbe Schicht genügt, um die 99 Stöcke abzuernten und die Reben zum Keltern nach Ockfen zu bringen. Dem künftigen Wein zuliebe bleiben sie jetzt noch eine Weile, bis in die zweite Oktoberhälfte hinein, hängen.

Sie reifen als Ergebnis einer von vielen Maßnahmen, mit denen der Saarberg-Konzern über Tage die Arbeit unter Tage vergessen läßt. Aus den Halden werden bewaldete Hügel, aus Kohlerevieren Naherholungsgebiete.

4,5 Millionen Weiden, Roterlen und Ebereschen, Roteichen, Schwarzkiefern und Ahornarten, seit 1960 gepflanzt, ließen 95 von 105 Halden inzwischen unter Grün verschwinden. Das schwarze Kohleland Saarland wurde damit hoffnungsvoll grün: Ein Drittel seiner Fläche insgesamt ist – für Besucher immer wieder neu und überraschend – mit Wald bedeckt.

Christel Szymanski