Von Gabriele Venzky

Als vor einem Jahr der Chefredakteur einer liberalen thailändischen Zeitung beim Abendessen in seinem Bangkoker Haus höflich darum bat, ich möge mich doch aus der direkten Schußlinie wegsetzen, als er beim Verlassen des Hauses für alle Fälle eine Pistole in meiner Handtasche deponieren wollte, und dann bei der Fahrt durch, die Stadt auf die stacheldrahtbewehrte Hochburg der Berufsschüler – eine ehemalige Fabrik – mit den Worten zeigte: „Von denen hängt es ganz entscheidend ab, ob Thailand in zwei Jahren faschistisch und in fünf Jahren kommunistisch wird“, da klang das alles ein wenig übertrieben nach Wildwest.

Zwölf Monate später tobte nun in Bangkok die offene Schlacht. Als Hauptakteure und willige Werkzeuge der alteingesessenen Machtcliquen, die es scheuen, sich selber die Hände/schmutzig zu machen, traten eben jene Berufsschüler auf. Am Mittwoch morgen stürmten sie zusammen mit – einem Polizeibataillon die Thammasat-Universpät, in der sich etwa 4000 protestierende Studenten verschanzt hatten. Was die Granatwerfer, Schnellfeuergewehre und Handgranaten der Polizisten nicht schafften, besorgte der Mob.

Hörsäle wurden in Brand gesteckt, verletzte Studenten von Bahren gerissen und zu Tode geprügelt, anderen wieder stach man die Augen aus, schnitt ihnen die Kehlen durch, knüpfte sie an Bäumen auf und schlug selbst auf die Toten noch in rasender Wut ein; menschliche Leiber verkohlten im Benzinfeuer. Wer von denStudenten es nicht schaffte, sich schwimmend über den Chao nicht zu retten, war froh, wenn er halbnackt im Gefangenenlager der Polizei im Stadion landete. Die Bilanz: offiziell 40 Tote (inoffiziell weit über hundert), über tausend Verletzte, 3000 Verhaftete.

Sah so also der seit langem angekündigte Coup – der Generäle aus, die wenige Stunden nach dem Sturm auf die Universität ihre Machtübernahme bekanntgeben? Oder waren das Blutbad, in dem die erste Demokratie-Epoche der tausendjährigen Geschichte Thailands nach nur dreijähriger Dauer ertrank, und der Umsturz nur zufällig zeitlich zusammengefallen? Das eine ist so wahrscheinlich wie das andere. Aber manches deutet darauf hin, daß diejenigen, die die Studenten durch ständige Provokationen reizten, den Mob und die Polizei aufhetzten, die Emotionen schürten, wohl kaum in der ersten Reihe der Junta-Generäle an die Öffentlichkeit treten werden.

Erschütterte Stellung des Königs

Auf dem Weg an die Macht lassen putschende Militärs und schon gar Thai-Offiziere ungern in aller Öffentlichkeit Blut fließen. Für den Bürgerkrieg – und eine Miniaturausgabe davon erlebte Bangkok in der letzten Woche – sind sie oder genauer: ist ihr König nicht zu haben. Immer noch ist Thailands Gottkönig Bhumipol in einem für Europäer kaum vorstellbaren Ausmaß höchste moralische Autorität, Anders als im benachbarten Laos oder Kambodscha, wo einst Sihanouk seinen Würden entsagte, um sich in den niederen Gefilden der Politik zu tummeln, ist Thailands Herrscher der wichtigste jener drei Pfeiler, auf denen nach wie vor thailändische Stabilität und Kontinuität ruhen: Königshaus, Religion und Nation.