Von Fritz J. Raddatz

Ein Spruch besagt, man könne ein halb leeres Glas auch halb voll nennen. Auch gibt es Bücher, die man halb leer nennen kann. Das ist bei dem Kenntnisreichtum dieses Autors und seinem schriftstellerischen Temperament erstaunlich –

Walter Laqueur: „Weimar – Die Kultur der Republik“; Ullstein-Verlag, Berlin, 1976; 400 S., 38,– DM.

Was glänzend formuliert beginnt, endet rasch in einer brävlichen Aufzählung. Das Kapitel über Literatur etwa, das eines der lebendigsten hätte werden können, gleicht einer Wanderung durch den Salon der Madame Tussaud: Reglose Figuren haben Etiketten um den Hals hängen: „Franz Kafka, der scheueste aller Menschen“; „Thomas Mann, ein Romancier par excellence, gab sich unendliche Mühe, seine Sätze zu feilen“; „Wie Thomas Mann und Hesse schrieb Leonhard Frank, einer der wenigen deutschen Schriftsteller aus der Arbeiterklasse, im wesentlichen immer über sich selbst, aber leider gab es darüber nicht viel zu schreiben

Ein „Kürschner“, in dem nicht einmal die Angaben stimmen: weder war der Malik-Verlag in Hamburg (daß er nach einem Roman von Else Lasker-Schüler benannt wurde, erfährt man nicht), noch erschien Tucholskys „Deutschland, Deutschland über alles“ 1931, noch heißt Karl Korschs Buch „Das Problem Marxismus und Philosophie“, noch war „Kuhle Wampe“ der einzige kommunistische Film der Epoche, noch nennt man Brecht heute Bert. Die Schnitzer wären nicht so gravierend, gingen sie nicht in die analytische Struktur des Buches ein. „Die analytische Struktur“ – das ist das Stichwort zur Kritik an diesem Buch; vielmehr, die unanalytische Struktur.

Ich will versuchen, an zwei Beispielen zu zeigen, wie Walter Laqueur an Zusammenhängen vorbeischreibt; wie ein materialreiches Buch, das viele amüsante Details enthält, durch seine falsche Gewichtung letztlich ein falsches Bild der Epoche und ihrer Auswirkungen gibt.

Der Dadaismus wird abgetan als unpolitisches Narrenspiel. Gewiß kann ein solches Überblick-Buch nicht die verzwickte Geschichte des Dadaismus nachzeichnen. Genügt hätte (was ich exemplarische Analyse nenne) die Schilderung der „Kunstlump“-Debatte: Während des Kapp-Putsches im Frühjahr 1920 hatte es Schießereien zwischen Demonstranten und Reichswehr auf dem Postplatz in Dresden gegeben. 50 Tote, 150 Verletzte – und ein von einer abirrenden Kugel zerstörtes Rubens-Bild „Bathseba“, das in der nahegelegenen Galerie hing. Daraufhin veröffentlichte ein Professor der Dresdner Akademie der Bildenden Kunst einen Aufruf „An alle Bewohner Dresdens“, in dem es hieß: „Ich richte an alle, die in Zukunft vorhaben, ihre politischen Theorien, gleichviel ob Links-, Rechts- oder Mittel-Radikale, mit dem Schießprügel zu argumentieren, die flehentliche Bitte, solche geplanten kriegerischen Übungen nicht mehr vor der Gemälde-Galerie des Zwingers, sondern etwa auf den Schießplätzen in der Heide abhalten zu wollen, wo die menschliche Kunst nicht in Gefahr kommt.“ Der Professor hieß Oskar Kokoschka.

In ihrer Antwort in der Dada-Zeitschrift „Gegner“ – „Der Kunstlump“ ,„Das Loch in Rubens’ Schinken, die Kunsthure Kokoschka und der Kapitalismus“ – gaben die Dadaisten Grosz und Heartfield die „unpolitische“ Antwort: Sie begrüßten es mit Freude, daß die Kugeln in die Galerien und Paläste, in die Meisterbilder der Rubens sausen statt in die Häuser der Armen in den Arbeitervierteln; sie sprachen vom Kampf zwischen Kapital und Arbeit und von Ausbeuterkultur.

Die Reaktion darauf war nicht nur, daß Dix den Zeitungsausschnitt mit Kokoschkas Aufruf in den Rinnstein seines Gemäldes „Streichholzhändler“ klebte, sondern eine lange währende kulturpolitische Debatte. Davon in Laqueurs Buch: kein Wort. Die bloße Skizzierung hätte in einem solchen Buch paradigmatischen Stellenwert. Ohne Zusammenhang bleibt alles Anekdote.

Das zweite Beispiel: Auf rührende (und Platz verschlingende) Art wird der „Inhalt“ berühmt gewordener Filme („Das Kabinett des Dr. Caligari“, „M“ oder „Der blaue Engel“) nacherzählt. Nicht erzählt aber wird das Entstehen von Willi Münzenbergs kommunistischer Filmfirma, die den „Panzerkreuzer Potemkin“ produzierte. Dieser Erfolg (nicht etwa nur dessen finanzielle Ausbeute) war es, der Hugenberg nicht ruhen ließ, bis er die Ufa besaß. Im gelben Absatz berichtet Walter Laqueur, daß die „großen Konzerne auf dem Markt waren, um Geld zu machen, nicht um mit Ideen zu hausieren“ (was effektiv falsch ist: Hugenberg hatte eine präzis formulierte Konzern-Ideologie), und vom Gedeihen eben dieser Firma: „Als die Filmindustrie zum großen Wirtschaftszweig wurde, überlebten nur einige gut fundierte Firmen, etwa die UFA, die das erforderliche Kapital für kostspielige neue Vorhaben hatten.“

Woher hatten die das wohl? Das würde man gern erfahren. Es ist derselbe kritische Ansatzpunkt: Über das Hugenberg-Empire gibt es ausreichend wissenschaftliches Material (keine Sorge, nicht „Linkslastiges“). Von der Annoncenfirma der Schwerindustrie über die Matern-Dienste für die Provinzpresse bis zum „Multi-Media“-Konzern – eine Analyse dieser Mammutorganisation (nicht zufällig der von Springer ähnlich) würde viel erbringen, wie umgekehrt einendes Münzenberg-Trusts; von beidem keine Spur.

Wozu also so ein Buch? Es geht gar nicht um bestimmte Behauptungen, über die man streiten könnte; der Krach mit Brecht um die Verfilmung der „Drei-Groschen-Oper“ ist meiner Meinung nach so falsch dargestellt, wie dieser Satz mich zumindest staunen ließ: „In der Bundesrepublik gab es in den 60er Jahren wenige Schriftsteller und Dramatiker, Künstler und Komponisten von Rang, wenn überhaupt welche.“ Ohne Zuhilfenahme von Sontheimers noch immer glanzvoller Interpretation „Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik“ und Rosenbergs „Geschichte der Weimarer Republik“, kann man Laqueurs Buch gar nicht lesen. Zwar erwähnt auch Laqueur die Kampagne gegen Remarque; aber das Wort von Franz Schauwecker „Kriegserlebnis eines Untermenschen“ finde ich bei Sontheimer. Zwar gibt auch Laqueur in einem eigenen Kapitel einen Überblick über den „Donner von rechts“; aber ein einziges Zitat wie dieses von Jünger sucht man vergebens: „Mögen sie (die Leute von Weimar) versuchen, mit dem mechanischen Gedanken eines allgemeinen Friedens, einer allgemeinen Gleichheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, das Organische zu fesseln, es wird ihnen nicht gelingen. Immer rollt der große Strom des Blutes in großer Melodie dahin. Das Dasein sucht sich mächtig zu entfalten, und wo es sich gehemmt sieht, flutet es in seiner ganzen Leidenschaft auf. Es sammelt sich rein, voll schöpferischen Hasses, und richtet sich zum Angriff.“

Will ein Buch über unsere jüngste Geschichte mehr vermitteln als den Verwunderungseffekt alter Wochenschauen, deren breitkrempige Hüte und hochrädrige Autos uns amüsieren, dann muß es vom Ende her gedacht sein. Das hat, so scheint mir, Walter Laqueur nicht getan. Unzählige Ideen, aber keine Idee.