Von Ralf Dahrendorf

Für dieses Mal sind beide, die Profession der Ökonomen und eine am Verständnis wirtschaftlichen Prozesse interessierte Öffentlichkeit, mit dem schwedischen Nobelkomitee zufrieden, und das ist allein schon bemerkenswert genug: Milton Friedman, der frisch gekürte Nobelpreisträger, hat die ökonomische Theorie befruchtet und zugleich die wirtschaftspolitische Diskussion mit immer wieder neuen Beiträgen angeregt.

Seit John Maynard Keynes hat wohl niemand Theorie und Politik der Ökonomie stärker geprägt; und wenn es nach Friedman ginge, würde die Phase fröhlicher staatlicher Konjunkturpolitik à la Keynes nun durch die Politikabstinenz à la Friedman gelöst.

Friedmans Weg ist verbunden mit drei Städten: New York, wo er 1912 geboren ist und später zeitweise an der Columbia University gelehrt hat; Washington, wo er immer wieder vor allem aber in den Kriegsjahren als wissenschaftlicher Berater tätig war; und Chicago, wo er seine wissenschaftliche Heimstatt gefunden und jene Denkrichtung entwickelt hat, die die einen "Monetarismus", die anderen "Chicago-Schule" nennen.

Von seinen Büchern wird heute vor allem die Neuauflage der "Monetären Geschichte der Vereinigten Staaten" gern zitiert, weil in ihr der empirische Nachweis geführt werden soll, daß die Geldmenge der wichtigste Faktor der inflationären Bewegung, wenn nicht der Wirtschaftsentwicklung überhaupt ist. Seine breitere Wirkung beruht indessen auf den Bänden seiner Aufsätze und Vorlesungen, "Essays in positive Economic" (1953), "Capitalism and Freedom" (1962), "Optimum quantity of money and other essays" (1969).

Darin also herrscht Übereinstimmung, daß der große Meister in Chicago die Ehre verdient hat, die ihm nun zuteil wird. Damit allerdings dürfte die Übereinstimmung auch schon aufhören; denn Milton Friedman ist ebenso streitbar wie umstritten. Sein Werk richtet sich direkt gegen den Zeitgeist. Gegen den Wohlfahrtsstaat und dessen Ökonomisten Zwilling, die staatliche Konjunkturpolitik, hält er eine moderne altliberale Position von erbarmungsloser Konsequenz. Wer seine Theorien in Frage stellen will, tut gut daran, sich wohl zu wappnen; denn während Friedman eigene Selbstzweifel gut. zu verbergen versteht, hat er schon manchen seiner Kritiker zum Zweifel an sich selbst gebracht. Ich spreche da aus Erfahrung; denn als ich ihm 1957 begegnete, machte er sich alsbald daran, mir meinen "Sozialdemokratismus" auszureden, den weichen europäischen Glauben an die möglichen Wohltaten des Staates; und da die Begegnung (am Center for Advanced Study in the behavioral Sciences in Palo Alto) ein dreiviertel Jahr dauerte, blieb sie nicht ohne Folgen.

Friedmans Staat ähnelt dem, was Robert Nozick kürzlich den "minimal state" genannt hat. Ein Anarchist, sagt Friedman, sei der konsequente Liberale nicht; er wolle vielmehr die Staatsfunktionen auf die "Spielregeln" beschränken: