Von Hans c. Blumenberg

Man muß es Volker Schlöndorff hoch anrechnen, daß er sich von seiner erfolgreichen „Katharina Blum“ nicht dazu verführen ließ, den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen. Allzu leicht hätte er sich als deutscher Costa-Gavras etablieren können, als Spezialist für oberflächlich-aktuelles, redlich-engagiertes Schlagzeilen-Kino. Die grobe, mit den einfältigsten visuellen Klischees operierende Inszenierung der „Katharina Blum“, die nun wirklich mehr mit dem Stil von „Z“ oder „Der unsichtbare Aufstand“ zu tun hatte als mit der Vorlage von Heinrich Böll, ließ für die Zukunft des Cineasten Schlöndorff Schlimmes befürchten.

Nun aber gibt es den „Fangschuß“: wiederum eine Literaturverfilmung, wiederum eine Frauengeschichte, wiederum ein Emanzipationsstück. Doch damit enden bereits die Ähnlichkeiten zwischen Schlöndorffs zehntem und seinem elften Film. Bei der Suche nach einem halbwegs treffenden Vergleich muß man zurückgehen bis ins Jahr 1965, als Schlöndorff mit der kühlen Adaption von Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ sein Debüt gab. Wie „Der junge Törless“ ist „Der Fangschuß“ in Schwarzweiß gedreht, wie damals entstanden die Außenaufnahmen im winterlich öden Burgenland, das hier die melancholischen Weiten des Baltikums zu vertreten hat, und mit Mathieu Carrière, der 1965 den Törless spielte, ist sogar einer der damaligen Hauptdarsteller mit dabei.

Doch die Gemeinsamkeiten gehen über filmographische Details hinaus. Schlöndorff nähert sich Marguerite Yourcenars Roman „Le Coup de Grace“ mit dem gleichen Respekt wie einst Musils „Törless“, verzichtet auf modische Schnörkel und versucht eine auf atmosphärische Valeurs konzentrierte Inszenierung, die mitunter ein wenig an die Schwarzweißfilme seines ersten Lehrmeisters Jean-Pierre Melville erinnert, dem „Der Fangschuß“ gewidmet ist.

Baltikum, 1919. Zwei Jahre nach der Revolution in Rußland stemmen sich Freikorps-Verbände in einem blutigen Bürgerkrieg dem Unabhängigkeitskampf der Esten und Letten entgegen. Das überalterte Feudalsystem wird von Söldnern aus allen Teilen Europas verteidigt. Auch auf dem verfallenden Schloß Kratovice haben sich Freikorps-Kämpfer eingenistet. Konrad von Reval, der Schloßherr, beherbergt eine Truppe idealistisch-romantischer Abenteurer, die von Manneszucht und Stahlgewittern träumen, während die Geschichte sie längst schon überholt hat.

Inmitten dieser Landsknechtstruppe lebt eine Frau: Sophie von Reval, Konrads Schwester, die von der Vergeblichkeit des Kampfes überzeugt ist, freundschaftlichen Umgang mit den Rebellen pflegt und doch die Kraft nicht findet, sich aus ihrem Milieu zu lösen.

Als Konrad eines Tages seinen Freund Erich von Lhomond mitbringt, ist es um Sophie geschehen. Rasch verliebt sie sich in den schneidigen Krieger. Der freilich hat mit Frauen wenig im Sinn, dafür aber viel mit Bruder Konrad, mit dem ihn offenbar mehr verbindet als eine reine Seelenfreundschaft. Sophie merkt das nicht. Erich weist sie immer barscher zurück, bis sie sich diversen anderen Kämpfern an den Hals wirft, was wiederum Erich, empört und zu einer gewissen Eifersucht veranlaßt. Sophie, die vorher „schwankte wie unter einem Faustschlag“ (Drehbuch), wenn Erich ihre Avancen mit Hohn bedachte, stellt ihn nun zur Rede: „Wie ihr mich alle anekelt! Mit eurem Krieg, eurer Ehre und eurer Männerfreundschaft! Widerlich und verlogen! Den Krieg brauchen Sie, um sich auszuleben. Wenn Sie solche Gelüste haben, dann nehmen Sie einen Ställburschen und befriedigen Sie sich. Aber nehmen Sie nicht mich als Alibi...“