Sozialismus und Kommunismus wandelten sich rasch von einer Bewegung, die eine neue Gesellschaft und einen neuen Menschen anstrebte, zu einer Kraft, die das Ideal eines bürgerlichen Lebens für alle aufrichtete: der universelle Bourgeois als Mann und Frau der Zukunft. Leben erst alle in Wohlhabenheit und Komfort, dann, so nahm man an, werde jedermann schrankenlos glücklich sein ... Man muß sich die Tragweite der Großen Verheißung und die phantastischen materiellen und geistigen Leistungen des Industriezeitalters vor Augen halten, um das Trauma zu verstehen, das die beginnende Einsicht in ihr Scheitern heute auslöst.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm in der Zeitschrift „Psychologie heute“

Landshut und Chicago

Am 20. August dieses Jahres erschien die Landshuter Polizei mit einem Beschlagnahmebeschluß des Amtsgerichts in der Krüll’schen Buchhandlung dortselbst und ließ das einzige Exemplar des 1975 im Berliner Wagenbach Verlag erschienenen Buch „Haymarket!“ beschlagnahmen. Das Buch, hatte der Richter befunden, stelle eine öffentliche Aufforderung zu Straftaten dar und sei nach, Paragraph 111 StGB einzuziehen. Was so gefährlich für Landshut schien, war eine Dokumentation, mit der ein amerikanischer Arbeitskampf des Jahres 1886 belegt wurde: ein von Chicago ausgehender Streik, mit dem der Achtstunden-Tag durchgesetzt werden sollte (der 1. Mai erinnert an jene Vorkommnisse in Chicago), bei dem es Schießereien und ein Bombenattentat gab und in den deutsche Anarchisten verwickelt waren, die zum Teil später hingerichtet wurden. Als Aufforderung zu einer strafbaren Handlung wertete das Landshuter Gericht nicht etwa den auf Seite 12 zitierten Artikel der Chicagoer „Tribune“, „Arbeitslosen und Bettlern anstatt Butter Arsenik aufs Brot zu streuen“, sondern einen anonymen Leserbrief aus der gleichen Zeitung auf der Seite 18, der sich über die „erfreuliche und lohnende“ Wirkung des Dynamits auf „reiche Müßiggänger“ ausließ. Wäre es bei der Beschlagnahme dieser Dokumentation geblieben, so hätte das geheißen, daß hierzulande ganz ohne Bemühung des Paragraphen 88a die Konfiszierung von Geschichte rechtens ist. Aber das Landgericht Landshut hat den Beschlagnahmebeschluß inzwischen rückgängig gemacht: nebenbei auch, weil es keinen Straftatbestand erkennen konnte, vor allem aber, weil Polizei und Amtsrichter bei der Beschlagnahmeaktion die Staatsanwaltschaft übergangen hatten.

Kunstmärkte Düsseldorf und Paris

Die Kunst wird wieder mal zu Markte getragen: vom 16. bis 24. Oktober auf der „Foire International d’Art Contemporain“ im Grand Palais in Paris; und vom 20. bis 25. Oktober auf dem „Internationalen Kunstmarkt“ in den Messehallen von Düsseldorf. In Paris werden knapp 100, in Düsseldorf knapp 170 Aussteller Kunst, und was sie dafür halten, zeigen und anbieten. Aber die automatische Magie der Super-Zahl wird diesmal wohl kaum funktionieren. Denn die Mehrzahl der großen Galerien, vor allem auch die aus Amerika, hat sich für Präsenz in Paris entschlossen: Man hofft, daß Pontus Hultén, der Direktor der Abteilung Bildende Kunst im Anfang nächsten Jahres einzuweihenden Kulturkoloß namens „Centre Beaubourg“, kräftig Anschaffungen machen wird. In Düsseldorf hingegen sucht man das prospektierte kommerzielle Defizit durch platonisch angebotene Kunst zu konterkarieren: Die Kunsthalle und der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen zeigen in der Zeit vom 20. bis 31. Oktober eine Ausstellung „Prospekt – Retrospekt“, europäische Kunst der Jahre 1946 bis 1976.

Franz Mai und die Libertinage

Mit „publizistischer Libertinage“ hatte er noch nie viel im Sinn, und so ließ sich Franz Mai, der Intendant des Saarländischen Rundfunks, im September 1975 auch nicht von kleinlichen Bedenken zurückhalten, als es darum ging, vier Fernseh-Dokumentationen zur Nachkriegsgeschichte des Saarlands zu begutachten. Auf eigene Faust, ohne Rücksprache mit dem Autor, dem Kölner Historiker Dr. Heribert Schwan, tilgte Mai mit hausväterlicher Strenge etliche politisch unbequeme Passagen und relativierte andere bis zur Unkenntlichkeit. Schwan zum Beispiel hatte über die Rolle von Radio Saarbrücken in den Jahren zwischen 1945 und 1955 geschrieben: „Die klassische Funktion des Journalismus, nämlich Kritik und Kontrolle, gab es an der Saar nicht. Staat und Rundfunk waren gleichgeschaltet.“ Bei Mai las sich das dann so: „Regierungen, Parteien und Verwaltung versuchten immer wieder, auf den Rundfunk Einfluß zu nehmen und ihn zur Unterstützung ihrer Politik zu bewegen. Dennoch haben sich die damaligen Mitarbeiter einen wenn auch begrenzten journalistischen Freiraum schaffen können.“ Wie es mit dem journalistischen Freiraum am Saar-Sender heute aussieht, belegt ein weiterer Textvergleich. Sprach Schwan von „brutalem Terror“ bei manchen Polizeiaktionen, war in der vom Intendanten bearbeiteten Fassung nur noch von einer notwendigen „Überwachung der politischen Ordnung“ die Rede. Derart gravierende Entstellungen dokumentarisch belegter Sachverhalte mochte sich Schwan nicht gefallen lassen. Mit einer einstweiligen Verfügung erreichte er, daß sein Name im Vorspann der von Mai verfälschten Sendungen nicht mehr genannt werden durfte. Der prozeßfreudige Intendant – man erinnere sich an seine Auseinandersetzungen mit Arnfried Astel – reagierte prompt mit einer Beschwerde, die das Landgericht Saarbrücken im Februar abwies. Nun hat der 1. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Saarbrücken, von dem sich Mai wohl endlich ein Machtwort gegen Schwans publizistische Libertinage erhofft hatte, wiederum gegen den Intendanten entschieden. Mai habe sich bei seinen eigenmächtigen Bearbeitungen „nicht im Rahmen der vertraglichen Abmachungen gehalten, wonach die geistige Eigenart des Werkes hätte gewahrt bleiben müssen“. Weiter stellt das Gericht fest: „Im vorliegenden Fall handelt es sich nicht um ein künstlerisch unterhaltsames Werk, sondern um den Beitrag eines Historikers mit starker politischer Nuancierung. Es gehört zur geistigen Eigenart derartiger Dokumentationen, daß hiermit eine bestimmte politische Wertung abgegeben wird. Wird diese – wie im vorliegenden Fall – auch nur abgeschwächt oder erst recht in ihr Gegenteil verkehrt, so ist damit auch die geistige Eigenart des Werkes gefährdet.“ Der Historiker Hans Mommsen meinte zur jüngsten, wohl kaum letzten Mai-Affäre: „Die Unterdrückung unbequemer Wahrheit ist immer ein Zeichen der Unfähigkeit zur Freiheit.“ Das Urteil von Saarbrücken immerhin macht Hoffnung.