Am 11. Oktober ist in Pinneberg bei Hamburg der Schriftsteller Mario Szenessy gestorben. Ein vom Glück nicht eben begünstigtes Liebesverhältnis zur deutschen Sprache und zur deutschen Literatur fand damit ein plötzliches Ende.

Szenessy wurde 1930 in Jugoslawien geboren, siedelte 1942 nach Ungarn über, studierte dort Germanistik und Slawistik und entdeckte dabei vor allem Kafka und Thomas Mann. Ihm, besonders dem „Felix Krull“, blieb er verpflichtet; von den beiden größeren literaturwissenschaftlichen Arbeiten, die Szenessy schrieb, galt die eine seinem ungarischen Landsmann Tibor Déry, die andere Thomas Manns Erzählung „Die Betrogene“.

1963 kam Mario Szenessy in die Bundesrepublik: Nicht zuletzt von Inge und Walter Jens ermutigt, begann er den Versuch, ein deutscher Schriftsteller zu werden. 1967 erschien sein erster kaleidoskopartiger Roman, „Verwandlungskünste“ – gemeint waren unter anderem die Verwandlungskünste, die die politischen Szenenwechsel der Jahre zwischen 1942 und 1956 einem ungarischen Intellektuellen abverlangten. In der ZEIT schrieb damals Marcel Reich-Ranicki: „Er, der kein Deutscher ist, schreibt ein ungleich besseres Deutsch als fast alle, die hierzulande Bücher verfassen ... bitter, sarkastisch und temperamentvoll, scharf, federnd und lapidar.“ Auch Szenessys zweites Buch, der 1969 erschienene Erzählungsband „Otto der Akrobat“, der auch seine Themen nun schon ganz aus Deutschland bezog, wurde von vielen Kritikern mit dem gleichen Enthusiasmus aufgenommen.

Zu einem Publikumserfolg wurde keins der beiden Bücher. Was macht ein vierzigjähriger Schriftsteller, der nach Pinneberg zugewandert ist, eine Familie hat und feststellt, daß seine Bücher ihn nicht ernähren? Er macht „Brotarbeiten“ – Rezensionen (etliche für die ZEIT), Übersetzungen. Szenessy ließ sich drängen, seinen eigenen Standard zu-senken, um vielleicht doch noch ein Publikum zu gewinnen, das seinen Autor ernährt. Es gelang ihm nicht; an seinen letzten Büchern hatte die Kritik auszusetzen, daß ihre Konzessionsbereitschaft zu groß sei. Ohne zu Popularität zu kommen, hatte er es nun auch noch mit der Kritik verdorben. Und er war ein zu scheuer, zu stolzer, zu verschlossener Mann, um Ersatzbefriedigungen aus dem Literaturbetrieb zu ziehen und als Medienstar auf der literarischen Walstatt zu glänzen.

So wuchs die Verbitterung in ihm – um so unauffälliger, als er als Autor ein Liebhaber des „gaunerisch Verzwackten“ war und das Spielerische an seinen Büchern keine Rückschlüsse auf seine Verfassung erlaubte. Vor einigen Jahren beschloß er notgedrungen, noch einmal von vorn anzufangen: Er wollte einen ordentlichen Brotberuf lernen, Diplom-Bibliothekar werden, seine Diplomarbeit über die Rezeption lateinamerikanischer Literatur in Deutschland schreiben.

Dabei wußte er selber vielleicht schon seit Jahren, daß er unheilbar krank war. Er hatte Schmerzen, konnte kaum essen, kaum schlafen, vor einiger Zeit verlor er fast ganz die Stimme. Seinen Verdacht behielt er für sich. Grau und still und aufmerksam und kaum finsterer als sonst, sah ich ihn zuletzt kurz vor der Buchmesse auf dem Lateinamerika-Seminar in Sprendlingen. Danach versagten seine Kräfte. Die Ärzte diagnostizierten ein Bronchien-Karzinom, das zu weit fortgeschritten war, um noch eine Operation zu erlauben. Er selber wünschte keine Verlängerung der Agonie. Er starb in seiner Wohnung. Alle Trauerfeierlichkeiten hatte er sich verbeten.

Dieter E. Zimmer