Kiel

Die Anlässe sind banal, die Folgen oft katastrophal. Ob bei Klassenausflügen oder Partys – immer mehr Jugendliche greifen zur Flasche. Jeder Sechste zwischen elf und 16 Jahren ist stark alkoholgefährdet. Zu diesem alarmierenden Ergebnis ist eine Studie der Kieler Universität gekommen, die den Jugendalkoholismus in Schleswig-Holstein untersucht. Schlimmer noch: Trotz aller Aufklärung und Warnung ist diesem Problem offenbar nicht beizukommen. Rund 2400 Jugendliche im nördlichen Bundesland wurden von einem Forschungsteam der Kieler Universität unter Leitung des Sozialwissenschaftlers Lars Clausen und des Rechtsmediziners Oskar Grüner nach ihren Trinkgewohnheiten befragt. Nüchterne Bilanz der Untersuchung: Schon Zwölfjährige kaufen sich ihren Schnaps, Gedankenlosigkeit und Geschäftstüchtigkeit der Großen begünstigen somit den Jugend-Alkoholismus.

Ein weiteres bestürzendes Ergebnis: Unter Jugendlichen ist Abstinenz weitgehend verpönt; wer nicht mittrinkt, wird schnell zum Außenseiter. Je stärker der soziale Druck wird, desto größer ist die Bereitschaft zum Trinken. Am meisten werden Bier und "Long drinks" eingeschenkt, wobei die Jungen mehr trinken als die Mädchen. Die kritische Phase in der "Trinker-Karriere" liegt zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr. Doch schon vorher sind die Jugendlichen bereit, einen großen Teil ihres Taschengeldes für Alkoholika auszugeben: 15 Prozent in Monat zwischen 41 und 200 Mark. Als Trinkmotive ermittelte die Studie Konformität, persönliche Probleme und den Wunsch, sich so früh wie möglich "erwachsen" zu fühlen.

Die Empfehlungen zur erfolgreichen Bekämpfung fallen zwangsläufig dürftig aus. Stärkere Kontrollen werden zwar angeregt, in der Wirkung indessen gering eingeschätzt. Ausweichen in Keller, Scheunen oder Parks wären die Folge. Eine Chance hätten vielleicht die Häuser der "Offenen Tür" ohne ein ausdrückliches Alkoholverbot. Bei milieugeschädigten Kindern sei es nahezu aussichtslos, gesundheitspolitisch einzugreifen. Hier wäre eine "günstigere" Umgebung erforderlich. Im übrigen sei die Grenze zwischen "normalem" und "krankhaftem" Trinken fließend. Daher sei die Bekämpfung des Alkoholismus ein soziales wie auch ein medizinisches Problem.

Rainer Burchardt