Von Rolf Kunkel

Aus dem Sportlerdorf, in dem die Aktiven 1980 bei den Winterspielen in Lake Placid untergebracht sind, wird später eine Drogenentziehungsanstalt. Die Leute, die sich den zukünftigen Verwendungszweck des olympischen Dorfes ausdachten, bewiesen Sinn für Symbolik. Olympia hätte in der Tat eine Drogenentziehungskur dringend nötig. Die Manager des internationalen Sports versuchten auf ihrer Tagung in Barcelona, den Einfluß der Pharmaka zu bremsen. Sie disqualifizierten nachträglich fünf Gewichtheber des Anabolika-Turniers von Montreal und erinnerten den Internationalen Gewichtheberverband an seine Aufsichtspflicht. Dann schlossen sie die Akte, ohne das Problem gelöst zu haben. Die Gewichtheber, die vor den Spielen in Kanada wegen der Dopingkontrollen mit der Pille aussetzten und diese Entziehungskur mit argen Leistungseinbrüchen bezahlten, können, sich nun wieder mit Blick auf Moskau in der Chemikalienküche satt essen.

Eine Sportart aber, in der Leistungsverbesserungen nur noch mit Hilfe chemischer Präparate möglich sind, stellt sich selbst in Frage. Sie sollte zugunsten einer anderen, deren pädagogischer und sportlicher Wert unumstritten ist, aus dem Olympiaprogramm gestrichen werden. Badminton zum Beispiel würde eine bessere Visitenkarte für Olympia abgeben als das Gewichtheben, das jeden moralischen Anspruch verloren hat, in einem Sportprogramm für die Jugend der Welt vertreten zu sein. Überlegungen dieser Art sind angesichts der Popularität des Hebersports im Ostblock und der Machtverhältnisse im IOC unrealistisch, wenigstens der Gedanke daran sei gestattet.

Es gibt keine von Sportfunktionären frequentierte Hotelhalle der Welt, in der nicht auch Jean-Claude Ganga auftaucht. Monsieur Ganga ist 42 Jahre alt, er stammt aus Kongo-Brazzaville, ist seit zehn Jahren Generalsekretär des Obersten Afrikanischen Sportrates und als optimal funktionierende Ein-Mann-Lobby des afrikanischen Sports bestens in Verruf geraten. Man weiß nicht, was man mehr an ihm bewundern soll: sein dialektisches Geschick oder seine demagogischen Fähigkeiten. Monsieur Ganga ist der Boykottvollstrecker von Montreal und als solcher inzwischen auch vom IOC anerkannt.

Eilfertig räumte ihm IOC-Präsident Killanin einen Gesprächstermin ein, obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Gangas Hauptargument heißt "Menschenwürde", das jeder teilen muß, der nicht in den Verdacht geraten will, ein Rassist zu sein. Killanin wollte keinen Zweifel aufkommen lassen. Er machte deutlich, daß das IOC in der Sache – der Ablehnung der Rassenpolitik Südafrikas – durchaus mit Schwarzafrika sympathisiere und daß es keine Sanktionen bezüglich des Montreal-Auszugs geben werde. Er entließ seinen Gast mit einem Bonbon: Das IOC wird demnächst zum erstenmal auf afrikanischem Boden tagen, Ende März 1977 in Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste.

Sodann begab sich Killanin mitsamt seinen olympischen Glaubensbrüdern zwecks Vergangenheitsbewältigung in Klausur. Die gravierenden Zwischenfälle von Montreal, als er den Basketballern bei der Siegerehrung die Medaillen nicht um den Hals hängen konnte, weil sie auf einem zu hohen Podest standen, werden zentimetergenaue Konsequenzen haben: Die Organisatoren von Lake Placid und Moskau notierten die neuen Maße und legten im übrigen Zeugnis ab von ihren Vorbereitungsarbeiten. Die Sowjets taten das mit einer Broschüre im Vierfarbendruck. Sie werden bald Farbe bekennen müssen, wenn die Zulassung der Berichterstatter von "Radio Freies Europa" zur Diskussion steht. Kein Zweifel besteht dagegen an ihrer exzellenten organisatorischen Vorbereitung, die unter Leitung des Leninordenträgers Nowikow Mitte 1979 beendet sein wird. Dann soll die Völkerspartakiade der UdSSR mit 10 000 Teilnehmern, darunter 2000 ausländischen Sportlern, den Rahmen für die olympische Generalprobe abgeben.

In Lake Placid im Nordosten der USA liegen die Organisatoren der nächsten Winterspiele derzeit noch im Clinch mit den Umweltschützern. Das Skigebiet befindet sich mitten im größten Naturschutzpark der USA. Hier ist schon das Berühren eines Strauches verboten. Jeder Anwohner hat auf dem Wege der Privatklage die Chance, die Organisation- und Baumaschinerie per Gerichtsbeschluß zum Stoppen zu bringen.

Unter diesem Blickwinkel sind die Äußerungen einiger Wintersport-Verbandspräsidenten zu sehen, die nach einem Meeting mit den Lake-Placid-Veranstaltern verkündeten: "Wir gehen einem zweiten Denver entgegen." Wie erinnerlich, mußte Denver 1972 die Winterspiele auf Druck der Bevölkerung zurückgeben. Der Umgang mit Funktionären lehrt allerdings, daß sie das Ende der olympischen Bewegung bereits nahe wähnen, sobald die Organisatoren zu erkennen geben, daß in den Funktionärsquartieren an Stelle der geforderten Badewannen lediglich Duschen installiert werden.