Bremen

Das Wort Katastrophe steht zweimal im Brief. Der Absender ist ein Vater, der Empfänger der Bremer Schulsenator Thape. Der Vater, ein Elternsprecher der Sonderschule für geistig behinderte Kinder in Bremen-Nord, schrieb dem Senator, für Kinder und Eltern sei es eine Katastrophe, daß Helga Entholt nicht mehr unterrichten dürfe. Eine Antwort hatte der Vater nach vierzehn Tagen noch nicht.

Helga Entholt, verheiratet, Mutter von drei Kindern, ist kein Lehrer-Profi, sondern nur Erzieherin. Als Kindergärtnerin zeigte sich ihre Stärke: der Umgang mit gestörten Kindern. Sie bewährte sich viele Jahre lang. Zuletzt war sie, mit einem befristeten Vertrag der Schulbehörde, an der Sonderschule für geistig Behinderte in Bremen-Nord. Sie hatte die schwierigste Gruppe: stumme, lallende, kaum ansprechbare, körperlich und geistig schwer Gezeichnete; zehn- bis fünfzehnjährige, die gewindelt und gewaschen werden müssen wie Säuglinge. Die Eltern ihrer Schützlinge sagen, Frau Entholt habe durch ihre Bemühungen einen erstaunlichen Kontakt zu. den Kindern erreicht. Aus dem Lehrerkollegium hört man neben Bewunderung für Frau Entholt das Eingeständnis: "Mit dieser Gruppe würde ein anderer nicht fertig."

Als bekannt wurde, daß der Vertrag von Helga Entholt nicht verlängert werden sollte, weil sie nicht über die ausreichende Vorbildung verfügt, wurde die zuständige Deputaion (ein Ausschuß, in dem Politiker aller Fraktionen wirken) tätig. Der einstimmige Beschluß hieß: Frau Entholt bleibt. Die Verwaltung jedoch entschied anders. Helga Entholt durfte nicht nur nicht weiter unterrichten, sie erhielt auch – aus Haftpflichtgründen – das Verbot, ihre alte Schule zu betreten. Über ihre Bitte, ohne Bezahlung unterrichten zu dürfen, ging die Schulverwaltung zur Tagesordnung über.

Die Kinder haben auf den Entzug ihrer Vertrauensperson empfindlich reagiert. Auf Anfrage sagte die Schulleiterin Almut Buer: "Ich brauche Frau Entholt ganz dringend. Es gibt im Kollegium keinen Ersatz für sie." Im Brief an den zuständigen Senator schreibt der Vater eines halbseitig gelähmten Kindes aus Frau Entholts Gruppe: aus "personaltechnischen Gründen" sei bereits schwerer Schaden für die Kinder entstanden. "Jeder Tag", so der Vater, "an dem unsere Kinder keine Zuwendung erhalten, ist unwiederbringlich verloren." Lilo Weinsheimer