Bisher war die deutsche Ausfuhr Zugpferd des wirtschaftlichen Aufschwungs

Den Gutachtern der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute schien die Sache klar: "Der Export ist Zugpferd des Aufschwungs." Und das Statistische Bundesamt lieferte einen Fast-Rekord als Beweis: Im September schloß die deutsche Außenhandels-Bilanz mit einem Exportüberschuß von 4,7 Milliarden Mark, dem zweithöchsten Nachkriegsergebnis.

Wer dann noch – aus dem Hause der Bundesbank – liest, daß die gegenwärtigen Aufträge aus dem Ausland die umfangreichen Exportlieferungen sogar übertreffen, der könnte die Zugpferd-Theorie bereits für gesichert halten.

Schließlich: Nicht einmal die gewaltigen, zu Lasten der Exporteure gehenden Kursverschiebungen der Mark zu den Währungen wichtiger Handelspartner konnten die Exportgeschäfte nachhaltig stören. Immerhin haben seit Beginn des Jahres das englische Pfund und die italienische Lira gegenüber der Mark 38 Prozent ihres Wertes eingebüßt; der französische Franc verlor über zwanzig, der US-Dollar noch neun Prozent. Dennoch schwoll der Export gleichzeitig um ein Sechstel an, auflast 187 Milliarden Mark. Inzwischen ist fast jeder fünfte Arbeitsplatz von der Ausfuhr abhängig.

Was immer die psychologische Wirkung des made in Germany zu dieser scheinbar widersprüchlichen Entwicklung beigetragen haben mag, es gibt auch, handgreifliche Gründe. Erstens: Dank der Zurückhaltung der Gewerkschaften sind 1976 die Produktionskosten in der Bundesrepublik erstmals wieder, wenn überhaupt, langsamer gestiegen als bei wichtigen Handelspartnern. Zweitens: Fast überall waren die Inflationsraten wesentlich höher als hierzulande. Dadurch hatten die deutschen Exporteure einen größeren Spielraum für ihre Preise. Die Nachteile aus der internationalen Höherbewertung der Mark wogen daher für die Exportwirtschaft weniger schwer als die geschilderten Vorteile. So nahmen die Deutschen, wieder einmal, an der Ausweitung des Welthandels (im ersten Halbjahr 1976 um zehn Prozent) überproportional teil.

Die Augenblicksaufnahme also bietet ein erfreuliches Bild. Doch sie zeigt nicht mehr als eine Hängepartie, mit Vorteilen zwar, doch mit ungewissem Ausgang. Der konjunkturelle Aufschwung der westlichen Industrieländer ist im Sommer spürbar abgeflaut. Überall blieben hohe Arbeitslosenzahlen. In wichtigen Ländern – Frankreich, Italien, Großbritannien – nimmt das Tempo der Inflation wieder zu. Und im ersten Halbjahr 1976 haben die Industrieländer alle zusammen ihr Handelsbilanz-Defizit binnen Jahresfrist auf fünfzehn Milliarden Dollar verdreifacht.

Wenn zum Jahreswechsel die Ölpreise, wie zu erwarten, um einen zweistelligen Prozentsatz heraufgesetzt werden, müssen sich diese negativen Tendenzen vor allem in Ländern mit schwachen Währungen noch verschärfen. Schon jetzt hat Italien Handelsbeschränkungen eingeführt, werden in Großbritannien und Frankreich protektionistische Maßnahmen offen diskutiert. Rein rechnerisch bleibt diesen Ländern immer weniger Geld, um in der Bundesrepublik einzukaufen.