Von Karl-Heinz Wecker

London, im November

Die Labour Party ist genauso alt wie unser Jahrhundert und damit sehr jung, gemessen an Institutionen wie dem Unterhaus, Downing Street oder der Krone. Sie schleppt einige ihrer Kinderkrankheiten noch immer mit sich herum: den Auftrag, der verlängerte Arm-der Gewerkschaften im Parlament zu sein, und ein Parteistatut, das entworfen wurde, ehe Labour – 1924 – zum erstenmal die Verantwortung der Macht kennenlernte. Seither haben die Schwerpunkte gewechselt, und aktuelle Programme gab es viele.

Geblieben ist zweierlei: die weitgehende organisatorische und finanzielle Bindung an die Gewerkschaften, über deren nach rechts oder links ausschlagende Pendelpolitik die Wähler nicht befinden können, und die Unklarheit darüber, ob Labour nun eine gesellschaftsreformerische, eine sozialdemokratische Partei ist oder aber eine systemverändernde sozialistische.

Das Erlebnis der Spaltung in den dreißiger Jahren und die rauhen Sitten des Mehrheitswahlrechts, das Splittergruppen keine Chance läßt, haben dazu beigetragen, daß die Flügel auf der britischen Linken auch dann am gemeinsamen Rumpf bleiben, wenn der Kreislauf eigentlich unterbrochen sein müßte. Aber fünf oder zehn Prozent aller Wählerstimmen nützen in Großbritannien nichts. Die Liberalen bringen es selbst mit 18 Prozent Stimmenanteil nur auf bare 13 Mandate.