Die Dreifachkrise 1956: Wie Frankreich und England in Suez ihr Ansehen verspielten (III)

Von Karl-Heinz Janßen

"Große Reiche, große Nationen brauchen lange Zeit zum Sterben

Harold Macmillan am 20. Oktober 1976

Der Dritte Weltkrieg hat begonnen. London und Paris werden mit sowjetischen Raketen beschossen. Hilfe naht. Haltet aus!" Mit solchen Durchhalteparolen jagten am Abend des 5. November 1956 Lautsprecherwagen durch die Gassen der ägyptischen Hafenstadt Port Said. Am Morgen waren britische und französische Fallschirmjäger an der nördlichen Pforte des Suezkanals abgesprungen; eine Invasionsflotte von hundert Schiffen steuerte auf die Küste zu. Den Warnungen der Russen und Amerikaner und der Vereinten Nationen zum Trotz hatten die beiden alternden europäischen Großmächte doch noch ihre "Polizeiaktion" gegen den "Rechtsbrecher" Nasser eröffnet. Der junge Diktator von Ägypten sollte – koste es, was es wolle – gezüchtigt werden, weil er es gewagt hatte, den Suezkanal zu verstaatlichen und die dividendenträchtigen Lizenzen der Kanalgesellschaft vor Ablauf des Vertrages zu annullieren.

Die Weltöffentlichkeit, noch geschockt von dem Blutbad, das die Sowjets am Tage zuvor in Budapest angerichtet hatten, befürchtete das Schlimmste. Zur selben Stunde, als erfinderische Autofahrer in Port Said den Weltkrieg bereits vorwegnahmen, hatte der sowjetische Ministerpräsident Bulganin in Briefen an die Regierungen in London und Paris den Feinden Ägyptens die Vernichtung durch Atomraketen angedroht – "das Ungeheuerlichste, was in der diplomatischen Geschichte seit langem geschehen ist", fand Konrad Adenauer, ansonsten kein Freund großer Worte. Die Kirchen ließen für den Frieden der Welt beten, die neutrale Schweiz lud die Großen der Welt zu einer Gipfelkonferenz ein – untrügliche Zeichen für den Ernst der Lage.

Engländer und Franzosen schienen drauf und dran, um ihres Prestiges, ihrer machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen wegen die ganze Welt in ein nukleares Chaos zu stürzen. Welch tragikomisches, zynisches Schauspiel boten sie den verdutzten, verängstigten Völkern. Zehn Jahre nach dem Urteilsspruch von Nürnberg, der ein Dutzend deutscher Politiker und Militärs wegen Verschwörung gegen den Weltfrieden dem Scharfrichter überantwortet hatte, verschworen sich die ältesten Demokratien Westeuropas und das dem Westen zugehörige Israel zu einem Überfall auf ein Land, das eben erst die Kolonialherrschaft abgeschüttelt hatte. Sie setzten bewußt die Einheit der Nato aufs Spiel, handelten hinter dem Rücken ihrer Verbündeten, verhöhnten die Prinzipien der Vereinten Nationen und schwächten die moralische Glaubwürdigkeit der sogenannten freien Welt.