Als Ludendorff die beherrschende Stellung im deutschen Kriegsführungsstab räumen mußte und im Gerede um den Nachfolger der Generalmajor Hans v. Seeckt als Kandidat auftauchte, schrieb Wilhelm Ritter von Leeb am 26. Oktober 1918 in sein Tagebuch: „Das wäre ein absolut falscher Mann. Er ist der Typ des preußischen ekelhaften Stockjunkers.“ Und diese Notiz, eine der wenigen, in denen er Spontanes aufblitzen ließ, zeigt in gleichsam ungestellter Momentaufnahme genau das, was die Person des Wilhelm Ritter von Leeb und mit ihr dieses Buch nicht nur interessant, sondern wichtig macht.

Das, formelhaft gesagt, Nicht-Preußische ist es. Eindrücke und Urteile, wie sie eben nur möglich sind, wenn eine Offizierskarriere fern von Potsdam verlief, sind hier festgehalten:

Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb: „Tagebuchaufzeichnungen und Lagebeurteilungen aus zwei Weltkriegen“, aus dem Nachlaß herausgegeben und mit einem Lebensabriß versehen von Georg Meyer; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1976; 500 S., 58,–DM.

Geboren 1876 in Landsberg am Lech, gestorben 1956 in Füssen, Feldartillerist in Augsburg, Generalstäbler in München, im Ersten Weltkrieg in den bayerischen Militäradel aufgenommen, war Wilhelm Ritter von Leeb ein Außenseiter in der Militärkaste, auch wenn er als Fachmann zu ihrer Spitze zählte. Bezeichnend für diese Rolle war sein 1938 erschienenes Buch über „Die Abwehr“, das in damals gehegte Blitzkriegsvorstellungen nicht so recht hineinpassen konnte.

Auf eine Parteifront ist Leeb nie eingeschwenkt. Als einer der bestbeurteilten Soldaten in der deutschen Armeegeschichte wurde er bei Beginn des Zweiten Weltkriegs aus dem Ruhestand zurückgerufen. Er war Oberbefehlshaber der Heeresgruppe C (Frankreichfeldzug) und der Heeresgruppe Nord (an der Ostfront). Generalfeldmarschall wurde er im Juli 1940. Im Januar 1942 wurde er in die sogenannte „Führerreserve“ verbannt. Der Spezialist der Abwehr war nicht der Mann, Hitlers Halte-Befehle in die Tat umzusetzen. Mit der kalten Erbitterung des Könners gegenüber dem Stümper urteilte er später, Hitler habe den Krieg geführt, „als ob er im Bunde mit Rußland stehen würde“.

Die Selbstzeugnisse, die Wilhelm Ritter von Leeb hinterlassen hat, sind karg. Der kontaktarme Mann hat auch in seinen Aufzeichnungen, die ohnehin breite Lücken aufweisen, allzuviel Zurückhaltung geübt. Daß. nun trotzdem ein klar erkennbares Bild vom unbekanntesten aller deutschen Feldmarschälle vorliegt, ist der akribischen Arbeit des Herausgebers Georg Meyer zu verdanken. Ein Buch vom Format eines Wälzers, gespickt mit allem, was zum Apparat der Geschichtsforschung gehört, ist entstanden; und der ausführliche „Lebensabriß“, den der Herausgeber voranstellt, ist nicht nur für Militär- und Kriegsgeschichtsforscher aufschlußreich.

Wenn man so will: Georg Meyer hat dem Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb ein Denkmal gesetzt, zum 100. Geburtstag nicht zu spät und auch nicht zu früh. Jedenfalls ist Zeit genug verstrichen, Denkmäler solcher Art ohne Sentiment und frei von Ressentiment zu betrachten. Dieses hier beeindruckt immerhin.

Peter Dubrow