Von Hans Schueler

Bonn, im November

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, Hermann Schmidt, hatte im Frühjahr einen alljährlich vielfach wiederkehrenden Vorgang auf den Tisch bekommen: Das Aufklärungsgeschwader 51 „Immelmann“ in Bremgarten bei Freiburg bat um die Genehmigung, im Oktober, ein Traditionstreffen mit den überlebenden Trägern des Geschwadernamens aus dem Zweiten Weltkrieg, den „Immelmännern“ vom einstigen Sturzkampfgeschwader 2, veranstalten zu dürfen.

Solche Treffen finden im Rahmen der Traditionspflege der Bundeswehr allenthalben statt: Im ostfriesischen Wittmund zwischen den Jagdfliegern des „Richthofen“-Geschwaders von heute und ehedem, bei den „Boelke“-Jagdbombern, bei Panzereinheiten, aber auch mit dem „Zentralrat der Juden“, wenngleich da die Gemeinsamkeiten nur mehr im Ersten Weltkrieg zu finden sind; Offiziere jüdischen Glaubens mit hohen und höchsten Auszeichnungen gehören immerhin zur Ahnengalerie der zweiten deutschen Armee, die ihren Treueschwur einer demokratischen, Republik geleistet hat.

Die Traditionstreffen bereiten im allgemeinen weder organisatorische noch politische Schwierigkeiten. Doch im Fall der „Immelmänner“ war das anders. Ihr einstiger Geschwader-Kommodore ist der Oberst a. D. Hans-Ulrich Rudel, der höchstdekorierte und einer der tapfersten Soldaten der Wehrmacht, aber einer der borniertesten auch, die überlebt und nichts dazugelernt haben. Während des Krieges galt Rudel seinen Kameraden als gläubiger Nationalsozialist, der einfach weghörte, wenn damals schon bekannte Tatsachen zur Sprache kamen, aus . denen zwingend auf das Verbrechensregime geschlossen werden mußte. Nach dem Krieg betätigte sich Rudel als Sprecher und Wahlwerber für rechtsradikale Parteien, als Wanderprediger für den Nationalsozialismus, obgleich sich Unkenntnis nun nicht einmal mehr mit zugehaltenen Ohren herstellen ließ. Noch im vergangenen Jahr erläuterte er jungen Offizieren der Bundeswehr bei einer Zusammenkunft auf der Staufenburg bei Gießen ebenso stolz wie wahrheitsgemäß, daß sich in der Luftwaffe Görings niemals Widerstand gegen das Hitlerregime geregt habe.

Die Kenntnis der Rudelschen Umtriebe veranlaßte den Staatssekretär Schmidt im April dieses Jahres, dem „Immelmann“-Geschwader in Bremgarten ein Traditionstreffen mit „Stuka 2“ innerhalb des Fliegerhorstbereiches zu untersagen, weil nicht ausgeschlossen werden konnte, daß der Oberst a. D. die Gelegenheit zu neuerlichen braunen Tiraden mißbrauchen werde. Vor den Kasernentoren, meinte der Staatssekretär, möge sich treffen, mit wem wer wolle.

Irgendwie war die Sache dem Kommandierenden General der Luftflotte, Werner Krupinski, zu Ohren gekommen, dem auch das Geschwader in Bremgarten untersteht. Vielleicht hatten ihn sogar zweifache Appelle erreicht. Dem Obersten Rudel fühlt er sich kameradschaftlich verbunden; er hatte während des Krieges gelegentlich Jagdschutz mit der Me 109 für ihn geflogen, während Rudel auf russische Panzer herabstieß. Verbunden fühlen mochte sich Krupinski auch dem Bundestagsabgeordneten und Bundeswehrreservisten Manfred Wörner, Unions-Kandidat für das Amt des Verteidigungsministers, der bereits vor der April-Entscheidung auf der Hardthöhe zugunsten Rudels interveniert hatte – trotz Kenntnis von dessen Vergangenheit.

Jedenfalls bedrängte Generalleutnant Krupinski den Inspekteur der Luftwaffe, er möge beim Staatssekretär vorstellig werden, um das Bremgartener Traditionstreffen doch noch innerhalb der Kaserne zu ermöglichen. Inspekteur Limberg versprach das Gespräch – und Krupinski entnahm daraus schon ein Plazet: Er ließ den Geschwaderkommodore wissen, die „Immelmänner“ dürften kommen.

Dieses fait accompli wurde zum Ausgangspunkt des tatsächlichen Gesprächs zwischen politischer und militärischer Spitze, bei dem der Staatssekretär umfiel: Nachträglich erlaubte er Rudels Einzug in den Fliegerhorst. Und bis zum vorvergangenen Wochenende schien es, als habe er damit allenfalls den guten demokratischen Geschmack verletzt, aber kein Unrecht getan. Rudel begnügte sich mit der Übergabe eines Wappens und mit einer Autogrammstunde, in der er für unbedarfte Luftwaffensoldaten seine die Hitlerzeit verherrlichenden Bücher signierte.

Schmidt hatte nachgegeben, weil er den Luftflottenkommandeur nicht desavouieren wollte. Doch Krupinski und sein Stellvertreter, Generalmajor Karl-Heinz Franke, setzten nun auf einen gelungenen Schelm anderthalbe: In einer routinemäßigen Gesprächsrunde mit eingeladenen Journalisten nahmen sie die Gelegenheit wahr, ihren Erfolg herauszustellen. Was denn gegen Rudel einzuwenden sei, fragte der Flottenchef, „der hat doch keine silbernen Löffel geklaut“. Und womöglich habe er sich während der letzten zehn Jahre auch politisch geläutert.

Franke, der einstige Flak- und Raketenoffizier, ein hochintelligenter Mann, unterstützte seinen Chef argumentativ. Gegen die Anwesenheit eines Rechtsextremisten wie Rudel bei einem Traditionstreffen der Bundeswehr sei. jedenfalls so lange nichts einzuwenden, „wie Linksextremisten und Kommunisten, die früher in der Sowjetunion waren wie Wehner“, im Bundestag säßen. Schließlich hätten auch die sich gewandelt.

Dies ist der Tatbestand, der zu der Entlassung der beiden Generäle geführt hat. Den an Krupinskis Tischrunde beteiligten Journalisten hatte er erhebliches Bauchgrimmen bereitet: Sie fühlten sich einerseits zur Vertraulichkeit verpflichtet, wie sie für „Hintergrundgespräche“ gilt; anderseits dünkte sie die Offenbarung der Generäle so schwerwiegend, so kennzeichnend für ein rückwärts gewandtes Denken, daß sie nicht schweigen zu dürfen glaubten. Der AP-Korrespondent Hansbach rief deshalb Generalleutnant Krupinski nach dem Gespräch noch einmal an und fragte ihn, ob er auch bei ruhigem Nachdenken die Meinung seines Stellvertreters teile. Der antwortete, es liege ihm fern, ein schlechtes Wort über Wehner zu sagen. „Aber Wehner ist nun einmal das beste Beispiel.“

Bundesverteidigungsminister Georg Leber hält die Beispielsfiguren für austauschbar. Für Wehner könne man jeden Politiker nehmen, der einmal demokratiefeindlichen Überzeugungen anhing, seine Gesinnung vor 1945 geändert und danach wie Wehner am Aufbau des demokratischen Staates mitgewirkt habe. Das darf man Leber wohl glauben. Es geht ihm nicht um den Parteigenossen, sondern um die Unhaltbarkeit und Unerträglichkeit eines Vergleichs, der aktiv bezeugte Verfassungsfeindlichkeit heute mit der Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei während der Zeit des Hitlerregimes gleichsetzt. Rudels Schriften wurden im übrigen nicht von einer sozialdemokratischen Landesregierung, sondern im CSU-regierten Bayern schon in den fünfziger Jahren als jugendgefährdend verboten.

Austauschbar sind wohl auch Leute wie Rudel, wenngleich dafür Einschränkungen gelten. Der Oberst a. D. hätte den Personal-Gutachterausschuß der Bundeswehr schwerlich passiert, würde er sich 1956 oder später um Wiederverwendung beworben haben. Und doch sind andere mit geringerem Ruhm oder weniger offenkundigen Dossiers aus der Nachkriegszeit in die neue Armee gelangt, obgleich sie dachten wie er. Die meisten haben inzwischen wohl umgelernt; sie haben begriffen und sich davon überzeugen lassen, daß sie ihren neuen Dienst nicht im alten Geist würden leisten können. Nur wenige begaben sich noch einmal auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Wo sie Anknüpfungspunkte zur Gegenwart suchten, wurden daraus zumeist vergebliche Spähtruppunternehmen in die Vergangenheit – wie die Schnez-Studie, Spiegelungen der Torheit von ehedem.

Ein Bodensatz an Ressentiments indes muß geblieben sein; anders lassen.sich wiederholte Affären von der Art kaum erklären, wie sie jetzt wieder um die Generäle Franke und Krupinski entstanden sind. Es wäre leichtfertig, da einfach von politischer Ignoranz oder Dummheit zu reden. Der auf Herbert Wehner gemünzte Satz hat einen perfiden Unterton, einen unüberhörbaren Anklang an Weimar: Da soll doch wohl die Front von rechts gehalten werden, gegen die Linken, die Unzuverlässigen, die Sozis.

Derweil ist die Bundeswehr noch immer auf vergeblicher Suche nach einer Tradition, der sie ohne Einschränkungen huldigen könnte. Sie schwankt zwischen den Vorbildern des Gehorsams und des sittlich begründeten Widerstands. Ihre innere Ruhe wird sie erst finden können, wenn sie nicht länger nach Helden und Fahnen von ehedem sucht, sondern sich auf ihr mittlerweile achtenswert gewordenes, eigenes Herkommen besinnt: Zwanzig Jahre lang im Verbund mit den Streitkräften der freien Welt den Frieden gewahrt zu haben, ist gar nicht so wenig.