Von Jes Bau

Ein Bericht über das Wetter in der Sowjetunion hat bei der Lokalzeitung von Wichita im Staate Kansas durchaus die Chance, als Dreispalter auf der Titelseite zu erscheinen. Ein Artikel über den Monsun in Indien macht in Wichita unter Umständen Schlagzeilen. Dabei zählt Kansas zu den Bundesstaaten der USA, wo die große Mehrheit der Bevölkerung Europa und Asien irgendwo am Rande der Welt vermutet. Daß die Wetterlage am Rande der Welt bei den Leuten von Kansas dennoch auf soviel Interesse stößt, gehört zu den Begleiterscheinungen der neuen amerikanischen Agrarpolitik.

Noch vor wenigen Jahren war den Farmern nichts gleichgültiger als die Frage, wie sich Angebot und Nachfrage nach Weizen, Mais und Sojabohnen auf dem Weltmarkt entwickelten: Der Staat zahlte ihnen Garantiepreise für ihre Produkte. Technisch funktionierte das so, daß die Farmer ihre Ernte unter Zugrundelegung des Garantiepreises pro Bushel an die US-Bundesregierung verpfändeten und dafür einen entsprechenden Kredit bekamen. Stieg der Marktpreis über den vom Staat garantierten Preis hinaus, konnten die Farmer ihre Produkte am freien Markt verkaufen und aus den Erlösen den Kredit zurückzahlen. Lag der Preis darunter, übernahm der Staat die Ware.

Während der dreißig Jahre, in denen dieses System in Kraft war, lag der Marktpreis jedoch mir selten über dem Garantiepreis. Die Farmer überließen die verpfändete Ernte daher gerne "Uncle Sam". Der Staat mußte dann sehen, wie er das Getreide mit Verlust am heimischen Markt unterbringen oder die überquellenden Silos durch Getreidelieferungen ans darbende Ausland leeren konnte. 1970 mußten die amerikanischen Steuerzahler diese Getreidegeschäfte ihrer Regierung mit 3,7 Milliarden Dollar subventionieren.

Allerdings verlangte der Staat von den Farmern für seine Fürsorge eine Gegenleistung: Sie mußten sich verpflichten, einen bestimmten Teil ihres Ackerlandes nicht zu bebauen. Dadurch sollte eine Überproduktion verhindert werden. Als der vor kurzem wegen rassistischer Äußerungen zum Rücktritt gezwungene Earl Butz 1972 von Richard Nixon zum Landwirtschaftsminister berufen wurde, war seine erste – und bis heute umstrittene – Tat die Abschaffung dieses Systems. Er fror den Garantiepreis auf ein nicht einmal kostendeckendes Niveau ein, hob dafür aber die Anbaubeschränkung auf und versprach den Landwirten, ihnen den Weltmarkt zu öffnen. "Die Bewußtseinsänderung, die die Entlassung der Farmer aus der Fürsorge von Uncle Sam mit sich gebracht hat, ist gewaltig", meint ein Landwirtschaftsfunktionär in Washington. Und: "Wir sind wieder frei", erklärt ein Farmer in Kansas.

Die neue Freiheit besteht im wesentlichen darin, daß die Farmer soviel Getreide anbauen können, wie es ihnen paßt. Und die meisten von ihnen holen seither aus ihren Äckern heraus, was sie nur hergeben. Die Rekordernte an Weizen im vergangenen Jahr und die diesjährige Rekordernte bei Mais sind für Leonard W. Schruben, renommierter Agrarökonom an der Kansas State University, "Beweise für die Überlegenheit eines auf Eigeninitiative gründenden Marktsystems".

Nur Nachteile für die Verbraucher