Edward Gierek reist in den nächsten Tagen nach Moskau; eine Stockholmer Journalistin darf wegen unfreundlicher Berichte nicht einreisen; Stefan Kisielewski, ein betagter katholischer Schriftsteller und offenherziger Regimegegner, darf wegen seiner losen Feder nicht ausreisen; immer noch sind nach amtlichen Angaben 78 Verurteilte in Haft, die an den Juni-Streiks beteiligt waren; gefälschte Erklärungen des Intellektuellen-Komitees zur Unterstützung der Arbeiter sind in Umlauf – Meldungen aus Polen von zwei Tagen. Sie klingen fast wie eine Bekräftigung der Anklagen polnischer Intellektueller, in ihrem Lande herrsche ein "kommunistisches System in seiner russischen Ausgabe".

Neben solchen Nachrichten gibt es nur vereinzelte positive Ereignisse. Der Generalstaatsanwalt Czubinski hat mitgeteilt, der Staatsrat – das 17 Personen zählende kollektive Staatsoberhaupt aus Mitgliedern des Parlaments (Sejm) – habe schon Anfang September empfohlen, den an den Juni-Unruhen beteiligten Arbeitern mit Milde zu begegnen. Inzwischen weiß man, daß diese Milde der Preis des Regimes an die Katholische Kirche ist, um deren Unterstützung zu erhalten. Gierek hatte ihr im September indirekt ein Friedensangebot unterbreitet, als er sagte, es gebe mit ihr keine Probleme, sondern nur eine gemeinsame Sache, "und das ist Polen". Daraufhin hatte die Kirche in einem Kanzelbrief Milde ausbedungen und den Arbeitern ihre Hilfe und ihren Schutz versprochen – aber auch "harte Arbeit für das Vaterland" gefordert. Es ist deshalb anzunehmen, daß auch die 78 Inhaftierten bald freigelassen und alle – mehrere hundert – Arbeiter wieder eingestellt werden, die in einer ersten, unbeherrschten Reaktion des Staates bestraft worden waren.

Das Übereinkommen mit der Kirche ist Teil der Bemühungen, die Atmosphäre zu entspannen. Dazu steht in seltsamem Kontrast, daß andererseits versucht wird, die als lästig empfundenen Intellektuellen zu zügeln. Mitglieder des von Intellektuellen gegründeten Komitees zur Unterstützung der Arbeiter sind Schikanen oder Anpöbeleien ausgesetzt. Zuletzt wurden zwei Kommuniqués verbreitet, die das Unternehmen der Intellektuellen diskreditieren sollen. Die zwei echten Erklärungen des Komitees verbreiteten Informationen über die Lage der Familien verurteilter Arbeiter, über die Handlungsweise der Polizei und der Behörden. In den beiden unechten Kommuniqués wird der Versuch gemacht, die 14 Gründer des Komitees zu desavouieren. Früher aufgestellte Behauptungen werden widerrufen, Zahlen korrigiert – teilweise auf recht plumpe Art, bis zu der falschen; Erklärung Nr. 4, das Komitee habe sich aufgelöst. Der Zweck scheint klar: Die Solidarisierung von Arbeitern und Intellektuellen soll gestört werden.

Diese Aktion wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Meinungsverschiedenheiten im Politbüro, in dem der Weg der Wirtschaftspolitik und die Reaktion auf die Streiks umstritten sind. Die Befürworter eines harten Kurses werden in der Umgebung des Ministerpräsidenten Pjotr Jaroszewicz vermutet, der als Mann Moskaus gilt. Es heißt, sein Rücktritt sei vor den Juni-Streiks beschlossene Sache gewesen; würde er jetzt aber demissionieren, könnte dies als moskaufeindliche Aktion verstanden werden.

Dies liegt Gierek fern. Er wird in Moskau peinliche Fragen über den Fortgang in Polen beantworten und um sowjetische Hilfe bitten müssen. Moskau feiert gerade eine Rekordernte – und in Polen herrscht Knappheit nach neuer Mißernte. Außer Fleisch und Getreide muß auch Energie gespart werden: für die Polen kein gutes Zeichen. Sie sind weiterhin unruhig. Giereks Spielraum ist kleiner geworden.

Eduard Neumaier