Von Marion Gräfin Dönhoff

Der höchstdekorierte Offizier der Hitlerschen Wehrmacht, Hans-Ulrich Rudel, einst Oberst und Kommodore des Stuka-Geschwaders "Immelmann", hat dreißig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik einen solennen Skandal ausgelöst. Damals im Krieg war eigens für ihn ein Orden geschaffen worden – das goldene Eichenlaub zum Ritterkreuz mit Schwertern und Brillanten; denn die Erfolge, die er persönlich zu verbuchen hatte, übertrafen bei weitem die jedes anderen. Bei über 2500 Feindflügen hatte er 519 Panzer abgeschossen und mehrere Schiffe versenkt. Auch nach schwerer Verwundung, die zur Amputation eines Unterschenkels führte, flog er weiter.

Begleitet und behütet von Fortuna, mutig, passioniert und präzis, von äußerster Einsatzbereitschaft und Kampfentschlossenheit, könnte Oberst Rudel das Vorbild aller Vorbilder soldatischer Tradition und Tugend sein – wenn dieses Soldatenbild im Menschlichen eine Entsprechung hätte. Aber leider gebricht es Rudel nicht nur an politischem Instinkt, sondern auch an charakterlicher Substanz. Welchen Schaden jedoch fehlende Urteilskraft stiften kann, hat uns die Nazizeit nun wirklich gelehrt.

Um Rudels totale politische Unbedarftheit zu erkennen, genügt es, sich an die Geschichte zu erinnern, die sein ehemaliger Geschwaderkamerad Josef Müller-Marein, der frühere Chefredakteur der ZEIT, im Jahre 1953 berichtete: "Es war im Zoo-Bunker zu Berlin, der im Februar 1945 als Lazarett diente. Rudel war bei Fürstenwalde gemeinsam mit Ernst Gadermann abgeschossen worden. Er hatte ein Bein verloren. Nun, da die Sowjets und die Westalliierten weit auf deutschem Boden standen, sagte er: ‚Daß wir den Krieg gewinnen, ist klar; aber manchmal frage ich mich: Wie?‘"

Wie es jetzt zu der Affäre Rudel kam und wie der Hergang der Ereignisse war, die zu der Entlassung des Luftflottenchefs Walter Krupinski und seines Stellvertreters Heinz Franke führten, schildert Hans Schueler ausführlich auf Seite 2. Es geht um zwei Tatbestände: erstens um die Einladung an Rudel, an einem Traditionstreffen teilzunehmen; zweitens um die inkriminierenden Äußerungen, die die Generäle zur Rechtfertigung dieser Einladung vorgebracht haben.

Die Vorwürfe zum ersten Punkt müssen gestrichen werden, weil Lebers Parlamentarischer Staatssekretär Hermann Schmidt, der zunächst ein Verbot ausgesprochen hatte, dies später widerrufen hat, mit seiner Weisungsbefugnis das Unternehmen letzten Endes also genehmigte. Es geht mithin ausschließlich um die Äußerung der beiden Generäle: Solange "Linksextremisten und Kommunisten" wie Wehner, die früher in der Sowjetunion waren, im Bundestag sitzen, sei gegen die Teilnahme Rudels nichts einzuwenden. Auch er könne sich ja gewandelt haben.