Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im November

Vor genau 15 Jahren versprach das noch heute gültige Parteiprogramm der KPdSU, die Sowjetunion werde die USA bis 1970 "in der Produktion pro Kopf der Bevölkerung überflügeln". Sowjetische Lkw-Fahrer gaben Chruschtschows Ehrgeiz damals eine ebenfalls gültig gebliebene Antwort. Auf ihre Lastwagen, die den nachfolgenden Verkehr mit dem Aufdruck mahnen: "Bist du nicht sicher, dann überhole nicht", fügten sie mit Kreide hinzu: "... die USA."

In der vergangenen Woche hat Planungschef Baibakow vor dem Obersten Sowjet eine neue Verfolgungsjagd angekündigt. Baibakow schätzt den Abstand allerdings realistischer ein als seinerzeit Chruschtschow bei seinen Überholmanövern. Er ist auch zurückhaltender als es noch vor fünf Jahren Ministerpräsident Kossigyn gewesen ist, der bis 1975 die amerikanische Produktion von 1971 erreicht haben wollte – ein Verfolgungsrennen, über dessen Voraussetzungen und Ausgang zwei Mißernten Aufschluß geben. Die jetzt aufgestellte Berechnung ist bescheidener und komplizierter. Doch auch dieser quantitative Vergleich ist ein Relikt der überholten Tonnen-Ideologie und verträgt sich kaum mit der Grundforschung des neuen Fünfjahresplanes nach Qualität, Effizienz und "strengstem Sparsamkeitsregime" (Breschnjew).

1980 soll das sowjetische Nationaleinkommen, so der Planungschef Baibakow, 85 Prozent des amerikanischen Nationaleinkommens von 1975 betragen. Die sowjetische Industrieproduktion, die heute laut Baibakow 80 Prozent der amerikanischen ausmacht, werde 1980 auf 109 Prozent der US-Industrieproduktion von 1975 angestiegen sein. Schließlich soll die Landwirtschaft 1980 ungefähr 100 Prozent der amerikanischen Agrarproduktion von 1975 erzeugen.

Trotz zunehmender Bescheidung der Sowjets bleibt dies schon deshalb eine Milchmädchenrechnung, weil die Berechnung des Bruttosozialprodukts in den Vereinigten Staaten nicht mit den sowjetischen Indikatoren übereinstimmt. Auch können Modernität und Qualitätsunterschiede der Produkte nicht berücksichtigt werden. Da Amerika viele Produkte aus Kunststoff statt aus Stahl herstellt, ergeben sich, andere Statistiken als in der Sowjetunion, wo der Stahl noch seine frühere führende Bedeutung besitzt. Erst jetzt hat Breschnjew die "Anwendung ökonomisch effektiver Austauschstoffe für Metall" gefordert. Die Zuwachsraten und Entwicklungspläne für die riesige Sowjetunion sind imponierend – wie etwa Breschnjews Ankündigung, daß die Elektroenergie in nur fünf Jahren um 341,4 Milliarden Kilowattstunden steigen wird. Doch besäßen die Wohnungen der sowjetischen Metropole das elektrische Gerät eines amerikanischen Provinzhaushaltes, dann würde das Moskauer Stromnetz zusammenbrechen.

Warum aber verkündet Moskau von neuem das Aufholen der Amerikaner – während der Fünfjahresplan sonst dem verlangsamten Wirtschaftswachstum der Sowjetunion durchaus Rechnung trägt? In der Fixierung auf Amerika offenbart sich am deutlichsten, wie sehr die Sowjetunion noch befangen ist zwischen Renommiersucht und Minderwertigkeitskomplex. Amerikanischer Weizen stand an der Wiege des Sowjetstaates, er half Rußland aus der großen Hungersnot von 1921. Inzwischen triumphiert die Sowjetunion zwar wegen der hohen Arbeitslosenquoten des kapitalistischen Rivalen, doch jeder sechste Sowjetbürger lebt heute wieder, wegen zweier Mißernten, von amerikanischem Getreide.