Von Josef Müller-Marein

Raymond Queneau, der mit dreiundsiebzig Jahren starb, war eine der merkwürdigsten Erscheinungen der zeitgenössischen Literatur: zugleich berühmt und unbekannt. In Deutschland zum Beispiel hat ein Film, der nach einem seiner Romane gedreht wurde, die Lust zur Lektüre des Buches geweckt. Aber siehe da: "Zazie in der Metro" war, obwohl das am wenigsten tiefsinnige seiner Werke, in den besten Partien unübersetzbar. Nur deutsche Autoren von exquisitem Sprachgefühl, die den Mut hätten, die Queneauschen Stil-Eskapaden nachzuvollziehen, also eher Nachdichter als Obersetzer, könnten hier helfen; vielleicht sind sie eines Tages unter der jungen Generation zu finden.

Trotz Rabelais mit seinem "Gargantua", trotz Balzac und seinen "Tolldreisten Geschichten" ist die Feststellung richtig, daß große Humoristen in Frankreich selten sind. Wobei Humor als Gegensatz zu esprit gemeint sei, in dem die schlagfertigen, witzigen, geistvollen Franzosen glänzen. So sind die Rheinländer, speziell die Kölner witzig, und das Bonmot ist ihre Sache, aber schon ihre Nachbarn, die Westfalen, kennen die Anekdote, den "Verteil", kurz den Humor: "Ja, man kann sagen, daß wir Deutschen allesamt mehr humorvoll als witzig sind." Wir wären begabt, Queneaus verständnisvolle Leser zu sein. Es paßt ins Bild, daß Raymond Queneau Normanne war, geboren in Le Havre 1903. Alle großen Humoristen des letzten Jahrhunderts – das ist nicht zuviel behauptet – waren Normannen: Flaubert mit seinem unvollendeten Roman "Bouvard et Pécuchet", Maupassant mit seinen "Normannischen Novellen", der in Deutschland unbegreiflicherweise nahezu unbekannte Alphonse Allais.

Wie sie alle, war auch Raymond Queneau Pariser geworden, und aus der Sprachart der Pariser destillierte er jene Passagen seiner Erzählungen, die am meisten verblüffen und beglücken. Er ruhte nicht, bis er die feinsten Verwegenheiten des Wortschatzes, der Grammatik, der Melodie der Hauptstädter ins Schriftbild übertragen hatte. Auch hat er wie kein anderer die Tiefe der Kluft ausgelotet, die mehr und mehr zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Französisch klafft, dies auch in orthographischer Hinsicht. Es war also keineswegs bloßer Spaß, daß er selber nicht nur phonetisch zu schreiben liebte, sondern auch eine neue und schulbuchpflichtige "ortograf fonetik" vorschlug.

Von Haus aus Mathematiker, war Queneau von einer staunenswert breiten humanistischen Bildung. Nicht, daß er die Gesellschaft floh – er war ein witziger Plauderer, aber auch ein warmherziger Erzähler und teilnahmsvoller Zuhörer –, aber er lebte zurückgezogen, weil er sich nichts aus dem Lärm der Zeit brachte und genug zu tun hatte. Er hatte eine Aufgabe übernommen, die er liebte und die zu ihm paßte: Er gab jene Bücher der berühmten "Bibliotheque de la Pléiade" heraus, die enzyklopädischen Inhalt haben. (Die ganze Serie der Pléiade-Bücher, heute beim Verlag Gallimard, Paris, ist eine äußerlich wie inhaltlich bewundernswerte Sammlung klassischer, aber auch moderner Autoren.)

Kennzeichnend für den Geist Queneaus sind nicht nur seine Romane wie "Le Chiendent" ("Quecke") oder "Pierrot mon ami", sondern auch Werke wie die "Exercises de Style" ("Autobus S"), die, eine meisterhafte und hintergründige Spielerei, in 99 Fassungen ein und dieselbe Geschichte enthalten.

Das Spielerische, in dem Heiterkeit und Ernst, Wirklichkeit und Traum ineinander übergehen und nicht mehr zu trennen sind, kennzeichnen nicht nur den Surrealisten Queneau, den Freund der Maler Marcel Duchamp und Max Ernst. Nicht minder wichtig für ihn, und in wenigen Zeilen nicht zu interpretieren, war seine Mitgliedschaft im Orden der von Alfred Jarry erfundenen "Gesellschaft für Pataphysik" mit ihrer science des Solutions imaginaires, der "Wissenschaft für Phantasielösungen". Nur soviel: als die Studenten 1968 revoltierten und ihre Parole "L’imagination au pouvoir" plakatierten, ihre Förderung "Die Phantasie an die Macht", da war der Geist, des freilich zurückhaltenden, vornehmen, skeptischen Queneau nicht fern.