Von Josef Joffe

Das Kaleidoskop. der wechselnden Fronten im Libanon bestätigt die Grundregel aller Nahostpolitik: Alles ist möglich, nichts ist von Dauer – bis auf die unverrückbare Konstante des israelisch-arabischen Konflikts. Die gemeinsame Feindschaft zu Israel hat bisher noch jeden arabischen Bruderzwist irgendwann aufhören lassen – auch wenn die Kombattanten, wie im Libanon, schon am Rande des Abgrundes standen. Im libanesischen Bürgerkrieg haben in den letzten 19 Monaten etwa 37 000 Menschen ihr Leben verloren. Araber kämpften mit unvorstellbarer Grausamkeit gegen Araber – und gingen dabei die merkwürdigsten Waffenbrüderschaften ein.

Die als rabiate Radikale verschrienen Syrer schlugen sich Anfang, dieses Jahres plötzlich auf die Seite der konservativen Christen und machten sich daran, einen palästinensischen Stützpunkt nach dem anderen auszuräuchern. Während Assads Truppen gemächlich die östliche Hälfte des Libanons besetzten, fanden die Christen zusätzliche Freunde in den Israelis, die ihnen im Kampf gegen die Linken und deren Verbündete von der PLO zuerst heimlich, zuletzt kaum noch verhüllt Waffen, Munition und Feuerschutz gewährten. Zum Schluß sprachen die Israelis unverhohlen von den "parallelen strategischen Interessen", die die beiden Erzfeinde Jerusalem und Damaskus in eine de facto-Allianz gegen die aufmüpfigen Palästinenser zusammenführte.

Seit einer Woche hat sich die politische Landschaft gründlich gewandelt. Hier und da tauchten Berichte von Zusammenstößen zwischen den syrischen Invasoren und den christlichen Milizen auf. An den Frontlinien sah man plötzlich wieder Soldaten der PLO und Syriens in vertrauter Runde die Debka tanzen, den traditionellen arabischen Schwertertanz. Grüppchenweise kehrten die Palästinenser von den nördlichen Gefechtstellungen wieder in das "Fatah-Land" an der israelischen Grenze zurück. Was war geschehen?

Im Oktober war die totgeglaubte arabische Solidarität wieder zum Leben erweckt worden. Das Wort führte der saudische König Chalid, der, genau wie sein ermordeter Bruder und Vorgänger Faisal, den Führungsanspruch Saudi-Arabiens und die eigene monarchische Legitimität im heiligen Kampf gegen Israel zu begründen sucht. Als Chalid die verfeindeten Führer Ägyptens, Syriens und der PLO – Sadat, Assad und Arafat – nach Riad einlud, wagte keiner von den dreien abzusagen, weil sie allesamt nicht auf die Petrodollar-Subsidien der Saudis verzichten können. In Riad diktierte Chalid den Kompromiß, bei dem Syrien noch am besten abschnitt.

Als Gegenleistung für den Abbruch des syrischen Propagandafeldzugs gegen Sadats "Defätismus" – also dessen Alleingang im zweiten Sinai-Abkommen mit Israel – mußten die Palästinenser, wenigstens auf dem Papier, wieder das Kairoer Abkommen von 1969 anerkennen. Im einzelnen hieß das: Verzicht auf das Bündnis mit der libanesischen Linken, Preisgabe aller schweren Waffen, Rückkehr in die Lager an der Grenze zu Israel, Abschwören jeglicher Hoheitsansprüche innerhalb des Libanons.

Die Syrer konnten dem unverhüllten Druck der Saudis nachgeben, weil sie einen Großteil ihrer Ziele erreicht hatten. Die dezimierte, demoralisierte PLO stellt vorläufig keine gewichtige militärische Kraft mehr dar; Arafats Organisation liegt an der Kette. Andererseits hat die syrische Intervention die Christen vor der drohenden Liquidierung gerettet; die prekäre politische und territoriale Integrität des Mischgebildes Libanon ist fürs erste wieder gesichert.