Von Erich Ruckgaber

Tübingen

Die weiße Maus, an welcher der Professor sein neues Antibiotikum testet, ist ein Lehrmittel; die weiße Experimentiermaus in der Hand des Studenten ist ein Lernmittel. Solche Versuchstiere, ebenso Präparate, Chemikalien und Metalle, welche die Studenten für ihre Praktika brauchen, will sich das baden-württembergische Kultusministerium möglichst auf Heller und Pfennig zahlen lassen. Alles in allem könnten durch diese sogenannten Ersatzgelder rund zwei Millionen Mark mehr in das Stuttgarter Staatssäckel kommen.

Wieviel mehr, Geld aber allein für das Einkassieren der vielen Beträge zwischen 10 und 120 Mark verschwendet wird, hat noch kein Beamter errechnet – dafür ist vom Finanzministerium auch noch keine zusätzliche Stelle genehmigt worden.

Noch größer ist der Schaden, den die törichte Ersatzgeldkampagne des Tübinger Präsidenten Adolf Theis, eines CDU-treuen Verwaltungsjuristen, an seiner Eberhard-Karl-Universität angerichtet hat. Er, der 1972 an die Universität gekommen war, "um die Konflikte auf sich zu ziehen und den Lehrkörper von Konflikten frei zu halten", hat im Gegensatz zu den anderen badenwürttembergischen Universitätsrektoren einen der vielen Ministerialerlasse aus Stuttgart vom Juni 1976 so ernstgenommen, daß die ganze Universität in eine ernste Krise zu geraten droht. Theis hat nämlich angeordnet, daß diejenigen Studenten, die das Ersatzgeld nicht zahlen, keine Rückmeldebescheinigung für das Wintersemester erhalten. Das bedeutet: Kein Stipendium, keine Krankenversicherung, keine – Fahrpreisermäßigung. Selbstverständlich konnte dies nicht gutgehen. Die Studenten gründeten ein Ersatzgeldkomitee und riefen zum Boykott der Rückmeldung auf. Und tatsächlich meldeten sich zunächst mehr als 2000 Studenten nicht zum Wintersemester zurück, sondern machten ihrem Ärger in Demonstrationen und durch verschiedene Aktionen Luft. Am 30. September gab es denn auch unweit vom Hölderlinturm, als Polizeibeamte eingesetzt wurden, rund zwanzig Verletzte. Am 28. Oktober eröffneten 12 500 demonstrierende Studenten aus ganz Baden-Württemberg unter der Obhut von rund 900 Polizisten mit einem Sternmarsch den politischen Studentenzauber des Wintersemesters. Sie haben für die nächsten Wochen einen Warnstreik und für die letzten Semesterwochen einen Vorlesungsstreik angekündigt.

Die Welt glaubt die Zeichen der Zeit wieder einmal ganz genau erkannt zu haben: "Den Kommunisten, in Tübingen mit Hilfe einer Volksfront unter Beteiligung von Sozialisten des Offenburger Büros, SHB-Mitgliedern und einigen Jusos an der Macht, scheint eine Solidarisierung mit Teilen der schweigenden Mehrheit zu gelingen."

Ganz anders sehen es die 82 Tübinger Professoren, die vor der politischen Eskalation gewarnt haben: Man darf die am Boykott teilnehmenden Studierenden nicht mit linksextremen Gruppen gleichsetzen, die selbstverständlich Nutzen aus der Situation zu ziehen suchten. Dabei entbehrt die Situation nicht einer gewissen Ironie. Theis hatte sich nämlich anfangs des Jahres noch genauso wie seine Kollegen gegen die pauschalierte Ersatzgeldforderung des Ministeriums gewehrt und hat sogar ausrechnen lassen, daß ein Student heutzutage wegen der höheren Lebenshaltungskosten, wenn er Anspruch auf eine Ausbildungsförderung vom Bund hat, nicht nur 550, sondern eigentlich 680 Mark monatlich erhalten sollte. Dann aber, als der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim entschieden hatte, daß Ersatzgeld von Rechts wegen erhoben werden dürfe, und die Stuttgarter Ministerialbürokratie auch noch Regreßforderungen propagierte, schaltete Theis kurz: Ohne Ersatzgeld keine Rückmeldebescheinigung.