Wie und warum in Belfast, Derry und Dublin gekämpft wird

Von Rudolf Walter Leonhardt

Viele zitterten am Montag dem Begräbnis von Maire Drumm entgegen, der militanten Republikanerin, die ihr Leben im Kampf um ihre Vorstellung von Irland gelassen hat. Manche fragten, ob die katholische Kirche einer solchen Person überhaupt ihren Segen, und sei es den letzten, geben dürfe.

Fünfhundert gingen dem Sarg voran. Zweitausend folgten ihm. Die Polizei von Ulster und die britische Schutzmacht hätten scheinbar leichtes Spiel gehabt: Mindestens die Hälfte der Rebellen, die seit langem auf ihren Fahndungslisten stehen, hätte dort auf dem Milltown-Friedhof in Belfast präsent sein müssen, um ihrer Mitkämpferin, ihrer Vorkämpferin die letzte Ehre zu erweisen. Doch Polizei und Armee waren klug genug, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Bei Begräbnissen erreicht irisches Temperament den Höhepunkt seiner Unberechenbarkeit. Und der Mord an Maire Drumm könnte ohnehin Folgen haben, die kein vernünftiger Ire und kein vernünftiger Brite sich wünscht. Was freilich vermag Vernunft zur Lösung der irischen Rätsel?

In der gleichen Woche, in der die, sagen wir einmal "der IRA nahestehende", Katholikin Maire Drumm von protestantischen Terroristen im Krankenhaus erschossen wurde, geschah noch anderes: Der Präsident der Republik. Irland – Carol O’Daly; irischer, also komplizierter: Cearbhall O Dalaigh – trat zurück. Und eine der Frauen für den Frieden, Betty Williams, wurde in der Bundesrepublik freundlich empfangen. Niedersachsen verpflichtete sich ganz besonders, für den Frieden in Nordirland einzutreten. Wußte Ministerpräsident Albrecht, wozu er sich da verpflichtete?

Das alles hängt zusammen. Aber die Zusammenhänge sind verwoben, schwer aufzudröseln.

Nicht schwer zu erklären ist der Zusammenhang zwischen dem Tod der Anti-Friedensfrau Maire Drumm und dem bedrohten Leben der Friedensfrauen Betty Williams und Mairead Corrigan. Es war bislang ein ungeschriebenes Gesetz – und Irland ist eines jener wenigen Länder, in denen auch ungeschriebene Gesetze noch gelten –, daß auf führende Figuren nicht geschossen wird. Frau Williams und Fräulein Corrigan haben inzwischen jenen Rang erreicht, der von Linken und Rechten, von Katholiken und Protestanten, von Iren und Briten respektiert wurde. Sie schienen dadurch unverwundbar – bis der Mord an Maire Drumm geschah.