Von Thomas Rothschild

Die große Überraschung blieb aus. Entdeckungen waren bei den diesjährigen Berliner Jazztagen nicht zu machen. Aber dieses weltweit renommierte und gelobte Festival erwies sich in neun Konzerten wieder als informative Messe, die – ihr Niveau haltend – einen Überblick über den Jazz von heute erlaubt.

Sein Charakteristikum ist die Vielfalt, das Nebeneinander unterschiedlicher Ensemblegrößen und -formen, verschiedener Techniken und entgegengesetzter Stilrichtungen. Da gibt es tapfer verbohrte Solisten, zunehmend unorthodoxe Duos, und da gibt es immer noch und immer wieder Big Bands sehr verschiedener Ausprägung. Da behaupten sich überzeugte Anhänger der akustischen Instrumente entschlossen gegen die überall hereindrängende und manche Differenziertheit einebnende Elektronik (die ihrerseits freilich früher kaum erahnte Möglichkeiten gewährt). Da konkurrieren Free Jazz und die Harmonien einer neuen Sensibilität, Jazz-Rock und diverse Mischformen von Rhythmus und Blues, Gospel und Soul, und immer dabei ist auch die inzwischen bejahrte Tradition, die nicht veraltet, wo sie gekonnt gepflegt wird.

Die in den letzten Jahren viel beachtete neoromantische Strömung (Stichwort: Keith Jarrett), die vor allem von der Plattenfirma ECM betreut und gefördert wird, war in Berlin nicht vertreten. Wohl aber bemerkte man durch alle Stile hindurch, was den heutigen Jazz weitgehend bestimmt: die Suche nach unverbrauchten Klängen.

So entdeckt etwa der von der Fachkritik zu recht hoch geschätzte Trompeter Hannibal Marvin Peterson neue Möglichkeiten weniger in der Verarbeitung des tonalen Materials als in der Klanggestaltung. Mit stöhnenden, seufzenden, lachenden Glissandi erreicht er selbst in fulminant raschen Läufen eine differenzierte, absolut beherrschende Tongebung, die nicht selten vokalischen Charakter trägt.

Free Jazz – frei wovon, wofür?

Versuche, die menschliche Stimme auf Instrumenten zu imitieren, sind so alt wie der Jazz selbst. Die Antworten, die man auf dieses Problem fand, haben sich allerdings geändert. Heute will man die Stimme weniger nachahmen als verlängern, in neue Bereiche erweitern. Auch der umgekehrte Vorgang, die instrumentale Benutzung der Singstimme, hat eine lange Tradition, und auch diese hat mit dem erst vor einem Jahr entdeckten Al Jarreau eine neue Qualität erreicht. Dieser in seinem bescheidenen Auftreten ungemein sympathische Künstler, für den das Musizieren ein sichtbar genüßliches Vergnügen und nicht effekthascherische Show ist, hatte keine Schwierigkeit, die ihm auf der Bühne folgende Roberta Flack mit seinem Lied sanft zu töten. Er wuchs mit jedem Takt seines viel zu kurzen Auftritts über sich selbst hinaus. Jarreaus außerordentliche Musikalität verhindert, daß seine artistische vokale Instrumenten-Imitation zum Zirkustrick ausartet. Es sollte nicht wundern, wenn hier der Sammy Davis jr. von morgen die Szene betreten hätte.