Im Jahre 1902 bricht der russische Forschungsreisende und Schriftsteller Vladimir Arseniev mit einer kleinen Gruppe Soldaten zu einer Expedition nach Osten auf. Im Auftrag der Petersburger Regierung soll er die weite, menschenleere Gegend am Ussuri-Fluß erkunden und vermessen. Immer weiter stößt der Capitan, der abends am Lagerfeuer Tagebuch führt, in die Taiga vor. Eines Nachts stellt sich unverhoffter Besuch ein. Der alte verwitterte kirgisische Jäger und Fährtensucher Dersu Uzala schließt sich den Reisenden an, führt sie sicher durch die Wildnis: über Berge und durch Ebenen, in die sich kaum je Menschen verirrt haben, über zugefrorene Seen und durch verwunschene Nebel- und Regenwälder am Ende der Welt.

Beim Sehen von Akira Kurosawas neuem Film „Uzala, der Kirgise“ fielen mir plötzlich Kindheitserfahrungen ein: die fiebrige Abenteuersehnsucht, die mich beim Lesen von Coopers „Lederstrumpf “-Büchern überkam, die ängstliche Erwartung beim heimlichen Verschlingen von Expeditionsberichten. Scott, Amundsen und Sven Hedin, die tragischen und die strahlenden Helden von Pol und Wüste. Die Begegnungen von Menschen und Natur, das ewige Duell zwischen der Entschlossenheit der Reisenden und den Fährnissen der Wildnis. Die magische Aura eines Satzes wie: „Und eines Tages fiel der erste Schnee.“ Die schicksalsschweren Tagebucheintragungen: „Damals wußte ich noch nicht, daß dieser Vorfall tragische Ereignisse ankündigen sollte.“

Akira Kurosawa, der große alte Mann des japanischen Kinos, der weltweit gefeierte Regisseur von „Rashomon“, „Die sieben Samurai“ und „Das Schloß im Spinnwebwald“ (Macbeth), Idol von so unterschiedlichen Cineasten wie Sam Peckinpah, Sergio Leone und Werner Herzog – dieser Mann, den sie in den Filmstudios von Tokio den „Tenno“ nennen, hat mit „Dersu Uzala“ einen Traum realisiert. Nach fünf Jahren des Schweigens, die mit einem Selbstmordversuch begannen, folgte Kurosawa mit seinem russischjapanischen Team den Spuren des Capitan Vladimir Arseniev, auf der Suche nach unzerstörten Landschaften und menschenwürdigen Lebensbedingungen. Er, der sein Werk unter das Motto gestellt hat, der Mensch habe das Recht, glücklicher zu sein, als er ist, sucht einen Fluchtweg aus den Umweltkatastrophen der Gegenwart: „Man hat vergessen, daß der Mensch ein Teil der Natur ist und daß man sie habgierig schändet. Die Luft ist kaum noch zu atmen, und in zwanzig Jahren wird Japan, wenn die Entwicklung so weitergeht, nicht mehr bewohnbar sein. Der Abgrund muß uns verschlingen. Das sollte man von jedem Dach, aus jedem Loch schreien. Deshalb versuche ich, einen Menschen in diesem Film zu zeigen, der mit der Natur im Einklang lebt.“

„Uzala, der Kirgise“, Kurosawas 26. Film, ist eine konservative Utopie, deren Ernsthaftigkeit, deren Noblesse und deren völliger Mangel an Sentimentalität viel zu tun hat mit einigen der schönsten Western des klassischen Hollywood: mit „The Big Sky“ von Howard Hawks, mit „Across the Wide Missouri“ von William A. Wellman und mit „Wagonmaster“ von John Ford. Aufbruchsfilme, Reisefilme über die Verheißung ferner Horizonte. In Amerika müßte Kurosawas Film heißen: „Across the Wide Ussuri“.

Am Ussuri, wo sich der kirgisische Jäger und der russische Reisende treffen, findet Kurosawa einen Schnittpunkt zwischen Natur und Zivilisation. Zwar endet der Film mit dem Tod des alten Jägers, aber noch ist die Zeit nicht gekommen, in der keine Verständigung mehr möglich sein wird. Uzala, der Kirgise, ein Mann der Wälder, lehrt die Fremden Respekt vor der Natur, zeigt ihnen, wie man überleben kann, ohne das Gleichgewicht der Natur zu zerstören. Kurosawas wortkarger Film, das Tagebuch von zwei Expeditionen (1902 und 1907) und ein trauriger Epilog, kommt mit einem Minimum an spektakulärer Aktion aus. Breit und ruhig fließt die Erzählung dahin, geprägt von der bewegenden Einsamkeit nie gesehener Gegenden, dazu von der selbstverständlichen Solidarität der Menschen. Lange verweilt Kurosawas Kamera auf dieser historischen Harmonie, doch jeder einzelne Schnitt vermittelt das schmerzliche Bewußtsein, daß sich dem heutigen Betrachter hier nur noch ein schöner, längst nicht mehr realisierbarer Traum entfaltet.

Kurosawas Meditation über ein verlorenes Paradies enthält Sequenzen und einzelne Einstellungen von einer kaum beschreibbaren sinnlichen Kraft, einer Faszination, wie sie nur das Kino zu vermitteln in der Lage ist. Einmal verirren sich Arseniev und Uzala auf einem zugefrorenen See, geraten in einen Schneesturm. Sie retten sich, indem sie einen Berg aus Reisig zusammentragen und sich darin verschanzen. Kurosawa zeigt das als einen bis zur totalen physischen Erschöpfung ausgetragenen Wettlauf mit dem Tod. Wer sich in die Natur begibt, kommt leicht in ihr um, und selbst noch ein in Abendroth getauchtes Taiga-Idyll mit zwei winzigen Figuren zwischen untergehender Sonne und aufgehendem Mond gerät nicht zum romantischen Tableau, sondern läßt kommende Gefahren schon ahnen. Den ganzen Film durchzieht eine dialektische Spannung zwischen Sehnsucht und Untergang. Manchmal singen die Soldaten abends am Feuer. Kurosawa liebt das Kino von John Ford, und John Ford hätte diesen Film geliebt.

Hans C. Blumenberg