Lübeck

Nehmt lieber meinen Kopf als meine Hosen." Es war ein Hilferuf gewesen, der ungehört im Frauentrakt der Lübecker Justizvollzugsanstalt Lauerhof verhallte. Zwei kräftige Beamtinnen schafften es schließlich, der sich verzweifelt wehrenden und weinenden Strafgefangenen Judy Andersen die vorschriftsmäßige Anstaltskleidung überzuziehen.

Vorschriftsmäßig sind blaues Kleid und weiße Schürze. Jedenfalls verlangt dies Anstaltsleiter Greif, denn "Hosen", hatte er der Andersen-Anwältin Petra Rogge versichert, "sind eine Störung der Anstaltsordnung". Er müsse dann auch "jedem Transvestiten zubilligen, Kleider zu tragen". Als Zusatzstrafe muß Judy Andersen den Kleiderzwang empfinden. Sie leidet etwa so darunter, "als wenn man einen Mann in weibliche Kleidung stecken würde", hatte es in einem psychiatrischen Gutachten geheißen, das auf Greif ebenso wenig Eindruck machte wie die nervösen Störungen, die unerträglichen Kopfschmerzen und Herzkrämpfe der seiner Fürsorgepflicht unterstellten Gefangenen. Kompetentere Gutachter als er, Psychiater aus Kiel und Lübeck, hatten darin. Symptome einer schweren psychischen Belastung erkannt. Identitätsverlust wäre letztlich wohl die Endstation.

"Aus psychiatrischen Erwägungen", warnte ein Hamburger Arzt, "scheint eine Verlegung der Patientin in eine dänische Haftanstalt dringend erforderlich." Für den Anstaltsleiter hingegen haben Frauen eben Frauenkleider zu tragen, und sind sie Strafgefangene, kann man sie sogar dazu zwingen. Strafanzeige wegen Körperverletzung im Amt hatte die Hamburger Rechtsanwältin Rogge gegen Greif gestellt. Beim Landgericht Lübeck war man anderer Meinung und wies die Klage ab.

Der Prozeß, bei dem vor zwei Jahren die Dänin Judy Andersen und Marion Ihns vom Itzehoer Schwurgericht wegen Mordes an Wolfgang Ihns zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilt wurden, dürfte zumal als der "Hexen-Prozeß" noch nicht vergessen sein, aus dem in eben dieser Tonart nicht nur die Boulevardblätter wochenlang Schlagzeilen schinden durften. In Dänemark jedenfalls ist er noch in bester Erinnerung, und dort hat das königliche Udenrigsministeren dieser Tage vom Bonner Justizministerium erfahren, Judy Andersen werde zur Strafvollstreckung nach Dänemark nicht ausgeliefert. Empörung und Proteste aus der dänischen Bevölkerung, Artikel und Aufrufe in der Presse haben die Regierung offiziell versichern lassen, man werde nicht aufgeben. Zwar gibt es keinen Auslieferungsvertrag zwischen der Bundesrepublik und Dänemark, doch wäre es nicht das erste Mal in der Geschichte des internationalen Strafrechts, wenn es dennoch zur Auslieferung käme.

"Lasse mir meine Strafe in meine Heimland verbüßen, sonst gehe ich langsam zugrunde", hatte Judy Andersen geschrieben. Identitätsstörungen, Gedächtnisschwächen und zunehmende Kontaktarmut, gegen die der Anstaltsarzt in Lauerhof nur immer neue Medikamente wußte, waren auch die Folge einer vier Jahre langen Einzelhaft. Erst nach einem Selbstmordversuch im Juli wurde sie drei Monate später auf die offene Abteilung gebracht. Eine blaue Glühbirne brennt nun jede Nacht in ihrer Zelle. Durch den Spion kontrolliert in regelmäßigen Abständen eine Beamtin den Zustand der Inhaftierten. Man will in Lauerhof nicht noch einmal erleben, was im Januar geschah und vor der Öffentlichkeit sorgsam verheimlicht wurde: Beate Fander hatte sich in ihrer Zelle erhängt. Der Drogenabhängigen konnte das Psychopharmaka "Hallu-Periodol", das oft Geisteskranken verabreicht wird, gegen starke Abstinenzerscheinungen nicht helfen.

Daß Lübeck eine mittelalterliche Stadt ist, wirkt sich auf den dortigen Strafvollzug im Frauengefängnis offenbar negativ aus. Blaues Kleid und weiße Schürze sind nicht der einzige Anachronismus, dem Anstaltsleiter Greif huldigt. Für inhaftierte Frauen gibt es keinerlei Berufsausbildung. Im Frauentrakt wird gehäkelt, gekocht, werden. Fäden in Wattetüten gezogen, werden die Gänge von Strafgefangenen auf den Knien rutschend gebohnert. Die Einzelzellen sind zwischen sechs und acht Quadratmeter groß. Einem deutschen Schäferhund empfiehlt der Tierschutzverein etwa doppelt so viel Zwingerraum. Für Judy Andersen als Ausländerin in einer deutschen Haftanstalt kommen die ohnehin wenigen Vergünstigungen einer lebenslänglich Inhaftierten kaum in Betracht, Beispielsweise der Familienurlaub auf Zeit: Zur Beerdigung eines Verwandten in Dänemark wurde ihr die Ausreise verweigert. Wer sich der Anstaltsordnung fügt, die stumpfsinnige Arbeit gehorsam leistet, kann damit monatlich etwa zehn bis zwanzig Mark für den persönlichen Bedarf verdienen. Anzeige wegen Arbeitsverweigerung wurde gegen eine Gefangene erstattet, die abgelehnt hatte, Reklameblätter zu falzen, Fäden in Wattetüten zu ziehen. Ihr wurden zur Strafe täglich sechs Mark abgezogen. Viermal mehr als sie pro Tag verdient hätte..