Die 16jährige Gisela hat mit ihren Eltern manchmal Schwierigkeiten, vor allem, seit sie einen Freund hat. Er ist 20 und wohnt in einer Wohngemeinschaft; „Zieh doch zu uns“, sagt der Freund; aber Giselas Eltern sind dagegen. Besonders ihr Vater wird wütend, wenn sie nur davon anfängt. „Ich will nicht, daß du weiter mit dem Kerl Hinziehst“, sagt er. Die Mutter ist duldsamer, sie findet den Freund eigentlich nicht so schlimm, gegen die Wohngemeinschaft ist sie aber auch. Können die Eltern verhindern, daß Gisela in die Wohngemeinschaft zieht? Kann der Vater der Tochter den Kontakt mit dem Freund verbieten?

Der § 1626 BGB bestimmt: „Das Kind steht, solange es minderjährig ist, unter der elterlichen Gewalt des Vaters und der Mitter.“ Der Begriff „elterliche Gewalt“ wird vom Gesetz selbst definiert als „das Recht und die Pflicht, für die Person und das Vermögen des Kindes zu sorgen“. Zur Sorge für die Person gehört vor allem die Erziehung des Kindes, seine Beaufsichtigung und das Recht, seinen Aufenthalt zu bestimmen (§ 1631 BGB). Für die 16jährige Gisela entscheiden also die Eltern, wo sie wohnen soll. Wenn sie die Wohngemeinschaft für falsch halten, so können sie ihre Tochter zwingen, in der elterlichen Wohnung zu bleiben.

Kraft ihrer elterlichen Gewalt bestimmen Eltern auch die Schule und den Ausbildungsweg ihrer minderjährigen Kinder; sie entscheiden über den Beruf, sie suchen den Arzt aus, wenn das Kind krank wird, kurz, sie gestalten Lebenszuschnitt und Lebensstil. Ihre Entscheidungen können sie dem Kind gegenüber durchsetzen, notfalls auch mit Gewalt. Ein „maßvolles“ elterliches Züchtigungsrecht wird bis heute von der Rechtsprechung anerkannt. Kindesmißhandlungen sind davon aber nicht gedeckt.

Das Grundgesetz schützt in Art. 6 das Elternrecht gegen staatliche Eingriffe, es erklärt aber zugleich, daß der Staat die Eltern bei der Ausübung ihres Elternrechts überwacht. Die elterliche Gewalt ist also kein unumschränktes Herrschaftsrecht: Kinder sind nicht die Sklaven ihrer Eltern. Die Gerichte betonen in zunehmendem Maße die Pflichtengebundenheit des Elternrechts; statt von Elternrecht sprechen sie lieber von Elternverantwortung, und ein Gesetzentwurf aus der abgelaufenen Legislaturperiode sah vor, das Wort elterliche Gewalt zu ersetzen durch elterliche Sorge. Mißbrauchen die Eltern ihre Rechtsstellung, so kann das Vormundschaftsgericht eingreifen.

Gerichtliche Eingriffe in das elterliche Erziehungsrecht sind allerdings selten und nur in krassen Fällen erfolgt, beispielsweise bei einer übermäßigen Ausnutzung des elterlichen Züchtigungsrechts oder bei grober Vernachlässigung des Kindes. Die Gerichte neigen eher dazu, die Entscheidung der Eltern zu stützen und zu sanktionieren.

In einer berühmten BGH-Entscheidung aus dem Jahr 1953 heißt es: „Eltern, die ihre 16jährige sittlich verdorbene Tochter durch Kurzschneiden der Haare und Festbinden an Bett oder Stuhl bestrafen, überschreiten nicht das elterliche Züchtigungsrecht.“ Ende 1972 hat das OLG Köln entschieden, daß Eltern ihrem noch nicht volljährigen Sohn ein Soziologiestudium verbieten können, weil sie dadurch sein „Abrutschen in linksextremistische Kreise“ verhindern wollten.

Im Fall Gisela ist also klar: Den Umzug in die Wohngemeinschaft können die Eltern verhindern, solange das Mädchen noch nicht volljährig ist. Notfalls könnten sie ihr Kind sogar durch die Polizei nach Hause holen lassen.