Von Haug v. Kuenheim

Brasilien, im November

Es war tief in der Nacht, und es war sehr schwül. In dem kleinen Sambaschuppen erstickte die Musik jedes Gespräch. Doch Roland Schaffner war nicht zu bremsen. Nach etlichen Caipirinhas brach es aus ihm heraus: „Glauben Sie mir. Mir reicht’s. Und anderen auch. Fünf Leute werden hier in Brasilien bei Goethe aufhören. Goethe ist schlecht.“ Und nach einer großen Pause: „Wenn Sie wüßten, welch tolle Chancen Goethe bietet.“ Er sah dabei sein Gegenüber an, eine dunkelhäutige Schönheit, die verständnisvoll zu nicken schien.

Es war dies der Auftakt einer Reise zu fünf Goethe-Instituten in Brasilien (insgesamt gibt es dort sieben). Roland Schaffner, 42 Jahre, ist Leiter des Instituts in Salvador. Er ist groß und schlank, und seine Kollegen in den anderen Instituten erkennen neidlos an, daß er nur für Goethe lebt. Außer seiner Arbeit kennt er nichts. Er hält Salvador für den Nabel der Welt und formuliert in dem Neudeutsch des fortschrittlichen Intellektuellen, sein Kulturinstitut müsse „Arbeitsvoraussetzungen schaffen, progressive kulturelle Produktionsstätte sein, auch als mögliches Modell kommunaler Kulturpolitik“. Und da die Bahianer in Salvador noch nicht von der nervösen Aktivität ihrer Landsleute in Rio oder São Paulo angesteckt sind – böse Zungen nennen sie „Schlaffuß-Indianer“ –, macht’ dem aktiven Schaffner niemand die Rolle eines Kulturmanagers in Salvador streitig.

So konnte es kommen, daß sein Goethe-Institut, zentral gelegen, beheimatet in einer alten Villa im Kolonialstil, zu einem Treffpunkt für interessierte Brasilianer geworden ist, die dort die Möglichkeit haben, Theater zu spielen, Ausstellungen zu veranstalten, Platz haben zum Malen, zum Filmen, zum Musizieren und zum Tanzen. Und bewilligte ihm die Münchner Goethe-Zentrale mehr Geld und mehr Personal, könnte er die technischen Einrichtungen, die sein Haus bietet, besser ausnutzen – dann wäre Roland Schaffner in Salvador der Größte.

Heinz Jürgens, 43 Jahre alt, ist Leiter des Instituts in Brasilia, der Hauptstadt des Landes. Er hat das Institut in Brasilia vor sechs Jahren aufgebaut und meint, es sei nun an der Zeit, daß die Zentrale ihn versetzt. Wäre er nicht zu Goethe gegangen, wäre er gern Diplomat geworden; und wie ein gelernter Fachmann des Takts bewegt er sich auch: vorsichtig, bedacht, die Brasilianer mit provozierenden Programmen nicht vor den Kopf zu stoßen.

„Ich wünschte mir allerdings etwas mehr Mut“, meint ein junger Botschaftsangehöriger, der oppositionelle Zeitungsleute und Intellektuelle zu seinen Freunden zählt. „Goethe tritt in Brasilia nicht genügend in Erscheinung“, muffelt einer aus der großen Zahl derer, die in Lateinamerika für deutsche Institutionen tätig sind, „sie sollten raus in die Vorstädte gehen und dort Theater spielen, dort, wo es nichts an Kultur gibt.“