Nach dem ersten Schock: als wäre ein Mühlstein vom Halse

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im November

Vorgesehen war ein Linsengericht. Aber der Eintopf wurde kalt, weil die Vorstandsoberen der CDU nicht mehr die Zeit für eine Mahlzeit fanden. Nach ihren Beratungen im Parteihauptquartier am Montag mußten sie sich eilen, um rechtzeitig zur Sitzung der CDU-Abgeordneten im Bundeshaus zu erscheinen.

Kopflose Hektik? Durchaus nicht: Im Vorstand wie in der Fraktion ging es eher gelassen zu. Die CDU zeigte sich fest entschlossen, ihre Erstgeburtsrechte nicht für ein Linsengericht zu verkaufen. Und was die Rache an der CSU betrifft, so möchte sie die kalt genießen.

Binnen drei Tagen haben die Christlichen Demokraten ihre Reaktion auf den Kreuther Handstreich der bayerischen Schwester unter Kontrolle gebracht. Am vergangenen Wochenende hatte, noch helle Empörung geherrscht, besonders auch über den rüden Stil, in dem die CSU den Beschluß ihrer Wildbad-Klausur der größeren Schwester nahebrachte. Der Mainzer Kohl-Vertraute Hannes Schreiner schimpfte lauthals: "Das ist nicht mehr bayerisch, das ist Balkan."

Schon am Samstag nach dem schwarzen Freitag zeichnete sich jedoch ab, daß die CDU nicht willens war, zu kuschen. Nach der eilends zusammengetrommelten Sitzung des CDU-Präsidiums sprach Helmut Kohl in unverwechselbarem Originalton davon, daß die 18 Millionen Unionswähler am 3. Oktober die Union und ihn verpflichtet hätten, dieses Mandat "für die ganze Bundesrepublik Deutschland in Anspruch zu neh-