München

Für die 72jährige Ludowika Zistl war das Maß der Geduld mit Münchens Stadtplanern eigentlich schon vor 30 Jahren voll. Als damals, am 7. Dezember 1946, vor ihrer Haustür am Feilitzschplatz 8 plötzlich neue Straßenschilder mit dem Namen „Münchener Freiheit“ montiert wurden, protestierte sie schriftlich gegen die „norddeutsche Schreibweise“. Mit Erfolg. Bald darauf hieß der Platz, der die Widerstandsbewegung gegen die Nazis ehren soll, ganz bayerisch und ohne das e „Münchner Freiheit“.

Jetzt hat die „Wika“ Zistl wieder protestiert, freilich um mehr als nur die Streichung eines Vokals. Gemeinsam mit über 30 000 Bürgern Schwabings wandte sie sich mit ihrer Unterschrift dagegen, daß die „Münchner Freiheit“, die im Volksmund noch immer nach einem ehemaligen königlichen Innenminister Feilitzschplatz heißt und mitten, in Schwabing liegt, mit einem 21 Meter hohen Betonklotz voller Läden, Kaufzentren, Büros und Bankfilialen bebaut werden soll. Dieser Protest blieb bis jetzt erfolglos, denn Münchens Stadtrat gab für die umstrittene Bebauung generell grünes Licht. Und die Abendzeitung verkündete den gegen den Widerstand von CSU und FDP von der SPD-Mehrheit gefaßten Beschluß mit einer Schlagzeile auf der ersten Seite: „Todesstoß für das Herz von Schwabing.“

Für Münchens neueste Geschichte gilt das Schicksal des Platzes, der umsäumt ist von alten Bürgerhäusern mit Bogenfenstern, Türmchen und Baikonen voller Blumen und in dessen unmittelbarer Nähe Thomas Mann seine „Buddenbrooks“ schrieb, als symbolhaft. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts war der Feilitzschplatz das geistige Zentrum des damals noch blühenden Schwabing. In der Schwabinger Brauerei, an deren Stelle heuteein unförmiges schwarzes Hochhaus von der Unfähigkeit des Architektenstandes kündet, inszenierten Ludwig Thoma und andere ihre zünftigen Faschingsfeste. Bis in die sechziger Jahre hinein hatte der heute von Autos und Trambahnen umspülte Platz noch immer ein urgemütliches Flair, das freilich häufig den Misthaufen an der Reitschule „Tattersall“ entströmte.

Kein Wunder, daß derart provinzieller Mief die Verfechter einer „autogerechten Stadt“ zu schlimmen Taten animierte. Vor zehn Jahren nutzten sie die Gunst der Stunde und machten aus dem Biergarten des „Alten Wirts“ eine riesige U-Bahn-Baustelle. Mit den Kastanien verschwanden die Meisen und Schwalben, und als die Gerüste abgebaut wurden und die U-Bahn den vorolympischen Weltstadt-Duft von Desinfektionsmitteln und Karbolineum aus riesigen Entlüftungsschächten über den Feilitzschplatz blies, erkannten die Schwabinger ihr Zentrum nicht mehr. Ein häßliches, abgesenktes Beton-Forum und ein Busbahnhof hatten vorerst alle Gemütlichkeit vertrieben.

Doch die Schwabinger sind, was ihre Umwelt angeht, erfindungsreich. Mühsam setzten sie durch, daß im Forum Blumen und Bäume gepflanzt, Bänke und Stühle aufgestellt und Schachbretter angelegt wurden. Als schließlich auf dem nördlichen Teil noch eine Grünfläche mit Kinderspielplatz entstand, im Forum nun regelmäßig Flohmärkte stattfinden und Karl Eisenrieder vor seinem Café „Münchner Freiheit“, dem Tages-Treff von Schwabings jeunesse dorée, bei jedem Sonnenstrahl Tische und Stühle auf den Platz stellt, kann auch Edith von Weiser, die Sprecherin des Schwabinger Bezirksausschusses aufatmen: „Die Wüste lebt.“

Ob sie überlebt, ist indes heute fraglicher denn je. Grund zum Zweifeln gibt „ein riesiger Spekulationsgewinn“ (FDP-Stadtrat Manfred Brunner), den Münchens Stadtväter 1971 machten. Damals verkauften sie den durch Beton noch nicht genutzten Nordteil des Platzes an die Stadtsparkasse. Für ein Areal, für das die Stact Anfang der sechziger Jahre gut vier Millionen Mark gezahlt hatte, kassierte der Stadtkämmerer nun 23 Millionen – Geld, das freilich den Bürgern in Form von Kindergärten, Schulen und natürlich Straßen anderswo wieder zugute kam. Mit dem Grundstück ging jedoch ein noch viel kostspieligeres Gut an die Sparkasse über: Ein Baurecht auf 31 000 Quadratmetern Geschoßfläche, das der Stadtrat 1972 auf 24 000 qm reduzierte. Sie stellen heute einen Wert von über 20 Millionen Mark dar, den die Stadt, so Oberbürgermeister Georg Kronawitter, „einzig und allein mit Bargeld abtragen kann“.