Der neue Michelin ist da, zum 14. Male. Preis: 25 Mark. Auf 787 Seiten führt er 8120 Hotels auf und 2146 Restaurants, von denen er acht mit zwei Sternen für „hervorragende Küche“ auszeichnet und 131 mit einem Stern für „überdurchschnittlich gute Küche“. Neu eingeführt ist die Beschreibung „sorgfältig zubereitete, preiswerte Mahlzeiten“ für 85 Restaurants – darunter im Norden (nördlich von Bielefeld) nur die „Fischerklause“ in Lütjensee und die „Delfter Stuben“ im „Holsteiner Hof“ am Timmendorfer Strand, während es sich im Süden und vor allem im Südwesten drängelt.

Michelin hat etwas gegen den Norden und gegen andere als französische Küche. Für den Zauber des Chinesischen, die unverfälschte Natur des Italienischen (der doch, auf ihre Weise, sogar die nouvelle cuisine française nacheifert), den Charme des österreichischen hat er weder Nase noch Gaumen. Daß es in Hamburg nur drei „überdurchschnittlich gute Küchen“ gäbe (von denen auch noch zwei, ganz auf Nummer Sicher, international renommierten Hotels wie dem „Atlantic“ und dem „Vier Jahreszeiten“ gehören), glaube ich ihm so lange nicht, wie er nicht nur in München deren sieben entdeckt, München hat ja seine Vorzüge, sondern in Köln gleich auf neun kommt. Das kann man nicht mehr ernst nehmen.

Dabei sind die Restaurant-Bewertungen im Michelin im allgemeinen und zumindest in der Spitzengruppe meistens in Ordnung. Sieben seiner acht Zwei-Stern-Lokale verdienen die Empfehlung: „Maître“ in Berlin, die „Walliser Stuben“ in Düsseldorf, der „Ritter“ in Durbach, der „Erbprinz“ in Ettlingen, der „Goldene Pflug“ in Köln, „Tantris“ in München und der „Schwarze Adler“ in Oberrotweil-Oberbergen. Die „Schweizer Stuben“ in Wertheim am Main (vorher ein Stern) sind neu dazugekommen. Ob das berechtigt war, das bei nächster sich bietender Gelegenheit nachzuprüfen, wird uns ein Vergnügen sein.

„Abgestiegen“ (von zwei Sternen zu einem Stern) ist das „Stahlbad“ in Baden-Baden. Noch immer jedoch wird es „angenehm“ genannt. Wir wollen ja nicht zweifeln, wir würden nur gern wissen, was das eigentlich heißt, „angenehm“! Die Qualität der Küche wird mit (1–3) Sternen bezeichnet, der Komfort des Etablissements mit (1–5) Bestecken. Was darüber hinaus ist mit „angenehm“ gemeint?

Da es bei den Hotels Michelin-Sterne nicht gibt und da die durch (1–5) Häuschen bezeichnete Nobelklasse sich meistens ziemlich krude an der Preisen orientiert, hat dieses (durch rote Farbe ausgedrückte) „angenehm“ so ziemlich die ganze Bewertung von Herbergen zu tragen. Und das führt zu wahrhaft sonderbaren Ergebnissen. Frankfurt, Düsseldorf, Bremen haben kein „angenehmes“ Hotel. Hamburg hat eins. Welches, das werden Sie nicht erraten. Schlagen Sie’s im Michelin nach. Leo