Von Manfred Sack

Dessau ist zwar, weiß Gott, keine bedeutende Hauptstadt, aber es hat zu tun gewagt, wovor nicht nur Paris, sondern sogar Moskau manchmal voller Unentschiedenheit haltmachte. Dessau beschloß, soundsoviel Mark und soundsoviel Vertrauen zu setzen auf diese ihm selbst, wenn nicht gar allen rätselhafte Karte." Das Spiel, von dem Ilja Ehrenburg sprach, hieß "Bauhaus"; das Gebäude, von Walter Gropius entworfen, war am Sonnabend, dem 4. Dezember 1926, eröffnet worden mit einer kurzen Feier, einer ausgiebigen Besichtigung und einem rauschenden Fest in allen Räumen von abends acht bis nachts drei Uhr. Fünfzig Jahre später, am Sonnabend, dem 4. Dezember 1976, ist seine zu etwa zwei Dritteln vollendete Rekonstruktion gefeiert worden mit drei Reden, ohne Besichtigung und ohne ein die Dessauer Bürger womöglich zur Besitzergreifung ihres wiederentdeckten Denkmals ermunterndes Bauhaus-Fest. Es war eine bitter- und bierernste Staatsaktion, die den Ministerrat der DDR zur Entsendung von gleich drei Ministern veranlaßt hatte, denen für Kultur, Hochschul- und Bauwesen.

Für die "Bauhäusler" Indessen war das eher eine Sache des Herzens – trotz der Reden, die der politischen Liturgie gehorchend zur Hälfte aus Glaubensbekenntnissen, zur Hälfte aus strohtrocken nachgebeteten Fachbekundungen bestanden und eigentlich die Vermutung widerlegten, es handele sich um ein freudiges Ereignis.

Max Bill bekannte in aufgeräumter Stimmung: "Ich find’s schön, das Gebäude, obwohl ich es früher kritisiert habe", und "der Grete", sagte er, "sind die Tränen gekommen", der Grete Reichardt, einer zierlichen schönen alten Erfurter Weberin mit lustigen roten Haaren – zwei von etwa anderthalb Dutzend Bauhäuslern, die nach Dessau gekommen waren.

Die Rührung, die die meisten von ihnen zu erkennen gaben, reflektierte allerdings weit diffizilere Gemütsbewegungen, als in den steifleinenen Sprüchen, die einige von ihnen zum Lobe des Bauherrn DDR taten, zum Vorschein kamen – etwas, das es Landesfremden jedesmal schwierig macht, bei den anderen Deutschen Maske und Gesicht auseinanderzuhalten. Denn so selbstverständlich war das Ereignis ja nicht, immerhin war es zwei Jahrzehnte lang ausdrücklich vermieden worden: Das im Krieg von Bomben demolierte Gebäude ist zuerst mühselig geflickt, dann mit Verachtung instand gesetzt worden; hätte die Stadt es nicht gebraucht, hätten es die Parteiideologen wie vorher die Nazis aus den gleichen Gründen abgerissen: seines "undeutschen" Stils wegen.

So hatte der Ost-Berliner Architekt Kurt Liebknecht – einer der Ehrengäste auf der Jubiläumsfeier – in den fünfziger Jahren behauptet, daß "diese Architekturströmung ..., auch Bauhäus-Stil genannt..., ebensowenig wie die vorausgegangenen Bauepochen etwas mit wirklicher Kunst zu tun" habe. Ein Anonymus ergänzte wenig später, ebenfalls im "Neuen Deutschland", "daß der sogenannte Bauhaus-Stil ganz und gar nicht deutsch und national ist, sondern im Gegenteil ausgesprochen antinational und kosmopolitisch". Als letzte nationale Stilübung wurde damals der Klassizismus angesehen, und so war Hermann Henselmanns eklektische Stalin-Allee viele Jahre lang das staatlich forcierte Paradebeispiel einer sozialistischen National-Architektur.

Dann starb Stalin, dann ging auch Walter Ulbricht dahin; Anfang der sechziger Jahre beklagten sich sowjetische Besucher über den Zustand des Bauhauses, die Dessauer Oberbürgermeisterin wurde gewahr, welch bedeutendes Kleinod ihre Stadt beherbergt. 1964 kam der Bau auf die Denkmalsliste, wenig später machte ihn der junge Dessauer Stadtarchitekt Karlheinz Schlesier Weimarer Studenten zum Thema einer "Bauaufnahme". Bei der gründlichen Analyse entstand, wie der amerikanische Professor Fitch 1967 im "Monat" berichtete, auch "ein vollständiger Satz maßstäblicher Zeichnungen selbst kleinster Details wie Treppengeländer, Einbaumöbel, Beleuchtungskörper", hervorragendes Material für die Bauhäusler Püschel und Selmanagic, als sie die Bauleitung für die Rekonstruktion übernahmen. Im vergangenen Frühjahr wurde damit begonnen, soeben ist der erste, bei weitem größte Bauabschnitt der Erneuerung beendet worden; es ging so schnell wie beim Bau vor einem halben Jahrhundert.