Von Wieland Schmied

Ob man ihn mochte oder nicht, ob man an seinen rückhaltlosen und manchmal rücksichtslosen Einsatz für die Künstler, die er liebte, immer Gefallen fand, ob man seine arrogante und oft ruppige Art goutierte oder sie nur widerstrebend, wenn überhaupt, akzeptieren wollte, unbestritten ist: Hans-Jürgen Müller aus Stuttgart war eine der prägenden und einprägsamsten Figuren der deutschen Kunstszene in den sechziger und frühen siebziger Jahren.

Seit er, fast fluchtartig, sie verlassen und sich in ein Bergdorf auf den Kanarischen Inseln zurückgezogen hat, ist sie armer geworden. Nun hat er die selbst verschriebene Einsamkeit genutzt, sich Gedanken zu machen über seine Aktivitäten und ihre Grenzen, über seine Erfolge und sein Scheitern.

Hans-Jürgen Müller: „Kunst kommt nicht von Können – Über die Schwierigkeiten beim Umgang mit zeitgenössischer Kunst – Belser Verlag, Stuttgart, 1976; 320 S., 28,– DM.

Hans-Jürgen Müller erinnert sich an Ereignisse und Empfindungen seiner kurzen und erstaunlichen Karriere, reflektiert die Irrtümer und die Begeisterung von einst, bekennt sich vorbehaltlos wie je zu „seinen“ Künstlern und versucht in immer neuen Anläufen den Gang der Kunstgeschichte im allgemeinen und sein Engagement für die Hard-Edge-Malerei im besonderen einem – erhofften – breiten Publikum verständlich zu machen. Diese manchmal allzu simpel geratenen Partien – Müllers Botschaft – sind sicher die beschwerlichsten des Buches, doch man will auch sie nicht missen: Sie gehören mit zum Bilde des Kunsthändlers – nein, des Galeristen, Müller legt Wert auf die Unterscheidung zwischen dem künstlerisch entdeckungsfreudigen und finanziell wagemutigen, geradezu risikosüchtigen Galeristen und dem etablierten, kommerziell orientierten Kunsthändler, dessen Wesen ihm fremd bleibt; sie fügen diesem Bild wesentliche Züge hinzu, belegen sein Bedürfnis nach Bestätigung der eigenen Existenz.

Gerade das Spontane, Widersprüchliche, Flapsige, oft Flüchtige und Fragmentarische dieser meist übergangslos aneinandergereihten Aufzeichnungen macht sie so authentisch.

Ihre Lektüre ist, alles in allem, so abwechslungsreich wie genüßlich, zumindest für Insider der Szene. Der Text springt von der Erzählung zur Reflexion, von der Aufzählung zur Anekdote und zur Erläuterung und wieder zurück zur Erzählung. Wo sich keine Zusammenhänge einstellen, versucht er sie nicht zu konstruieren. Kann Müller etwas nicht gleich ausdrücken, dann bricht er ab und läßt es lieber. Bevor er geschwätzig wird, bleibt er wortkarg. Günter Engelhards Vorwort, das die Qualitäten des Müllerschen Manuskripts unterstreicht, hielt ich zuerst für ein wenig hochgegriffen. Der liebe Günter, dachte ich, da übertreibt er mal wieder. Dann begann ich zu lesen, und hörte nicht eher auf, bis ich unversehens im Bildteil angelangt war\